KRITIK

Was bleibt

Plakat zum Film Was bleibtWas bleibt von der westdeutschen Provinz, von der alten Bonner Republik, im gegenwärtigen deutschen Film, der sich auf Berlin fokussiert oder andere Großstädte? Oder der auch hin und wieder gen Ostsee tendiert? Hans-Christian Schmid ging zuletzt bis nach Den Haag und spürte den nur langsam sich schließenden Wunden des Balkans nach, er wagte sich mit „Lichter“ an eine ambivalente deutsch-polnische Grenzsituation, aber sein Gesamtwerk ist durchzogen von bundesrepublikanischer Bürgerlichkeit, die seziert und immer wieder auf die Probe gestellt wird.

Der durchaus imposante Bungalow, der dem Kammerspiel „Was bleibt“ den Hauptschauplatz bietet, atmet diese westdeutsche Bürgerlichkeit vergangener Jahrzehnte aus jeder Pore, ist mehr als nur Kulisse für eine sorgsam konstruierte Familientragödie. In ihm spiegelt sich das ganze Drama, in seiner offenen Struktur, die sich doch nie gänzlich erfassen lässt, in den weiten Fensterfronten, die dem Schauspiel ihren Rahmen geben. Der Bungalow bietet die perfekte Bühne für ihre bildungsbürgerlichen Bewohner; es wird gelesen, geschrieben und gesungen – Charles Aznavours „Du lässt dich geh’n“ als singulär denkwürdigster Moment – und vor allem werden viele Rollen ausprobiert, verworfen und wiederaufgeführt.

Szene aus dem Film Was bleibtLetztlich sind alle schon längst dieser Trutzburg entflohen – in Affären, Depressionen, nach Berlin – doch nur hier hält sich die Illusion von Familie aufrecht, als Refugium gegen die Außenwelt, in der jeder auf sich allein gestellt ist und Gefahr droht verschlungen zu werden.

Die Meisterschaft von Schmid und seinem langjährigen Drehbuchpartner Bernd Lange zeigt sich in einer einmal mehr äußerst souveränen Inszenierung und messerscharfen Dialoggefechten, die die Verkorkstheit der Familie gnadenlos offenbaren und einer gefälligen Lösung einen herrlich unbequemen dritten Akt entgegensetzen. Der Exorzismus findet diesmal zwar auf anderer Ebene statt, doch die Verlogenheit der heilen bürgerlichen Fassade wird auch in „Was bleibt“ mit Vehemenz und großer Eindringlichkeit ausgetrieben.


Kritikerspiegel Was bleibt



Carsten Happe
Der Schnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Münstersche Zeitung
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd Film, Die Welt, FR
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


 



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INHALT

Auf Wunsch seiner Mutter Gitte fährt Marko (Lars Eidinger), der seit Jahren in Berlin lebt, zu seinen Eltern (Corinna Harfouch, Ernst Stötzner) aufs Land. Seine Hoffnung auf ein ruhiges Wochenende im Kreis der Familie erfüllt sich nicht. Unerwartet für alle offenbart Gitte, dass es ihr nach langer psychischer Krankheit wieder gut geht. Als einziger entspricht Marko ihrer Bitte, sie von nun an als vollwertiges Mitglied der Familie zu behandeln, und bringt damit nicht nur die vermeintlich gut eingespielte Beziehung seiner Eltern aus dem Gleichgewicht.
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