KRITIK

War Dogs

Bild (c) 2016 Warner Bros. Pictures.

Bild (c) 2016 Warner Bros. Pictures.

Wenn Nicolas Cages´ Yuri Orlov aus „Lord of War“ ein Fuchs unter den internationalen Waffenhändlern ist, in einer Branche voller gieriger Wölfe, dann sind Miles Tellers und Jonah Hills Protagonisten aus „War Dogs“ im Vergleich dazu aufgeweckte Eichhörnchen. Im Gegensatz zu dem aus diversen Gestalten zusammengesetzten Orlov sind David Packouz (Miles Teller) und Efraim Diveroli (Jonah Hill) reale Charaktere. Die beiden arbeiteten sich von emsigen Online-Akteuren zu vermeintlich dicken Fischen in der Waffenindustrie empor. Genau wie sich die beiden Schlitzohren ihre Dröhnung durch immer größer werdende Geschäfte, mit Koks, Speed und Weed holen, wird der Zuschauer durch ihr dilettantisch bis verbrecherisches Treiben mitgezogen – ja sogar ein wenig berauscht.

„War Dogs“ spielt mit diesem zwiespältigen Gefühl, es eigentlich gerecht zu finden, coole Protagonisten immer wieder mit Taten davon kommen zu lassen, für die sie eigentlich durch irdische oder himmlische Gerechtigkeit bestraft werde müssten. Mit diesem Ansatz trifft Todd Phillips finstere Komödie mitten ins Schwarze und reiht sich irgendwo ein in den filmhistorischen Ebenen von „The Wolf of Wall Street“ oder „American Hustle„. Todd Phillips Film ist ein aufgedrehtes, schnelles, betrügerisches Psychodrama, das zeigt, wie echte Trickbetrüger (in diesem Fall eben aus dem Waffenhandel) zu Werke gehen. Sie sehen ihre gesamte Existenz als „Con“ an – und werden natürlich irgendwann dafür bestraft – irgendwie. Aber erst, nachdem der Zuschauer einen schelmischen Heidenspaß mit ihrem Treiben hatte.

Szene_WAR_DOGSDas Setup von „War Dogs“ lässt es nicht anders erwarten: Regisseur Phillips bedient sich freimütig an der Bravour von Scorsese und Russell (der sich wiederum für „American Hustle“ schon freudig bei Scorsese umschaute). Allerdings mischt Phillips sehr viel Eigenes bei und verleiht so seinem Film eine merklich entspannt-fröhliche Stimmung, die der unbeschwerten Generation der 90er und frühen 00er Jahre angemessen zu Gesicht steht. „The Wolf of Wall Street“ stand breitbeinig hinter den Fassaden eben jener Börsenmeile mit Hosenträgern und zweireihigen Jacketts, „American Hustle“ im irrealen Vibe der 70er.

„War Dogs“ umweht eine leichte, schmutzige und verrufene Aura. Der Film basiert zu weiten Teilen auf einem Artikel aus dem „Rolling Stone“ („Arms and Dudes“ von Guy Lawson) aus dem Jahre 2011. Es ging um zwei hippe Höker, die einen riesen Berg Geld damit verdienten, Waffen und Munition während der Anfänge des „War against Terror“ an das US-Militär und dessen Vertragspartner zu verscherbeln. Der miese Scherz daran ist, dass alles für einige Zeit völlig legal ablief (oder zumindest nicht illegal). Das Geschäft mit nationaler Sicherheit ist eben auch nur ein Geschäft. Der Betrug der beiden in der ganzen Affäre ist es, sich größer zu machen als sie sind. Nur so können sie fettere Fische an Bord ziehen. Sobald diese Fische allerdings ihre Ruten überlasten, müssen sie Abkürzungen nehmen, Gesetze biegen und brechen. Einmal damit angefangen kommen sie nicht mehr davon los, denn das Geld schmeckt den „War Dogs“ einfach zu gut.

Szene_War_Dogs_2In grauer und realer Theorie muss jeder nunmal irgendwann aufwachen und erwachsen werden. In Hollywood war dies jedoch noch nie der Fall, in der Traumfabrik können sich Filmemacher bis zum Ende ihres Daseins in jugendlicher Geschwindigkeitsüberschreitung festsetzen. Todd Phillips hat genau das mit viel Witz, Blendwerk und Talent zur Basis seiner eigenen Marke gemacht. Seit seiner Neo-80er Schrägheit „Road Trip“ hat er nie zurück geblickt und manchmal radikalen Witz („Old School“), manchmal komplette Nieten („Starsky & Hutch“) abgeliefert. Obendrein wurde er sogar zu einer Bundesliga-Stimme der Generation-X mit seiner „Hangover“-Trilogie.

Für Todd Phillips bedeutet „War Dogs“ nun ein Umdenken. Nach all den Albernheiten ist dies sein erster wirklich erwachsener Film. Dieser ist dennoch genau so flink wie seine erfolgreiche Attacken auf die Lachmuskeln, er ist fesselnd und schlicht hervorragend. Natürlich kommt der Humor nicht zu kurz, doch mehr noch, als in den ersten beiden „Hangover“-Teilen sind sie in einer realen Gefahr verankert und in einem Verhaltensmuster, welches sich als authentische Niedertracht beschreiben lässt. Selbst als er noch der größte Hofnarr im Palast der Hollywood-Komödianten war, zeichnete sich deutlich ab, dass Phillips ein ernstzunehmender und vollwertiger Filmemacher ist.

Nur brauchte es möglicherweise eben zwei und nicht bloß einen „Hangover“, damit er eines Morgens in den Spiegel schauen würde um zu sich zu sagen: „Zeit, um mich weiter zu entwickeln.“ Kinobesucher jedenfalls sollten dankbar für diese Erkenntnis sein. „War Dogs“ dürfte den Beginn einer Neuerfindung in Phillips Karriere darstellen. Die Einspielergebnisse an den Kinokassen sollten dies reflektieren und vielleicht sogar in die Größenordnung von „Hangover“ vorstoßen. Denn eines ist sicher: Wenn auch erwachsener, so bleibt Phillips in jedem Moment ein großartiger Entertainer.

Szene_War_Dogs_3Phillips macht sein Publikum nun zum allwissenden Beobachter von doppeltem Spiel und Dubiosität. Ein wenig wie in seinen Vorbildern liegt hierin die moralische Schwierigkeit und ein Lehrstück in Sachen Erkenntnis von Recht und Unrecht. Letzteres erfolgt nämlich von innen nach außen. Wir Zuschauer werden zunächst durch eine finanziell instabile Phase geführt. Nicht die, die wir in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts erleben, sondern die der Tage Bush Junior. David Packouz (Teller) ist in seinen frühen Zwanzigern, hat das College hingeschmissen, hat sich mit seinen Eltern überworfen und verdingt sich nun als selbstständiger Masseur. Über seine Profession macht sich „War Dogs“ unablässig lustig – nicht weil etwas an diesem Job auszusetzen wäre, sondern weil er einfach nicht der passende für den Protagonisten ist. Sein großer Traum? Ein Vermögen mit seidenen Bettlaken für Altersheime verdienen.

Zu seinem vermeintlichen Glück trifft er auf der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes seinen alten Kumpel Efraim Diveroli (Hill), einem Typen mit massigem Gesicht und toten Augen. Irgendwie erinnert er an einen Ochsenfrosch, ist dabei aber seine ganze eigene Art an reptiloider Kreatur. Er würde alles zu jedem sagen und jedem suggerieren, sie seinen die besten Freunde. Dabei stößt er unablässig das kalte, schrille Gelächter eines Speed-Junkies aus. Und genau er ist über eine Geldmaschine, basierend auf „liberaler“ Administration gestolpert.

Mitte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts kam ans Licht, dass die Bush-Regierung ihre Kumpel im militärisch-industriellen Komplex mit nicht ausgeschrieben Verträgen belohnte. Konglomerate wie Halliburton und Lockheed Martin verdienten sich so diamantene Nasen. Damit der Irakkrieg nun nicht als komplette Augenwischerei erscheint, wurde beschieden, dass jeder auf militärische Verträge bieten könnte. Efraim, als waschechter Nassauer, hat es sich zum Geschäft gemacht, sich als Vermittlungsmann für militärische Hardware zu präsentieren. Natürlich lässt er die Finger von schweren Waffensystemen. Er verkloppt lieber Pistolen an Hilfstruppen und behauptet, sich nur an den Krümeln des großen Kriegskuchens fett zu fressen.

WAR DOGSEfraim nennt sein Unternehmen AEY (keine verstecke oder sonstige Bedeutung). In seinem Büro hängt später ein Poster von Al Pacino aus „Scarface“ mit verzerrter Grimasse, Maschinengewehr im Anschlag und Finger am Abzug. Dieses Poster zeigt in der Causa Efraim genau, worum es geht: Nicht einfach nur ums Geld. Es dreht sich neben klingender Münze für ihn um die Verlockung indirekter Aggression, um das Horten von Waffen als Symbol für die dicksten Eier im Fischbecken.

Efraim gewinnt David als Kompagnon, der dafür erst einmal ethische Skrupel überwinden muss, denn seine Verlobte Iz (Ana de Armas) und er sind eigentlich Kriegsgegner. Dieses Problem scheint zunächst ein eher kleines zu sein, aber als moralischer Stolperstein im Zentrum der Handlung wächst es immer weiter. „War Dogs“ interessiert sich eben nicht für die Politik des Krieges (seine Protagonisten geben darauf ebenfalls nichts), es dreht sich um den gnadenlos fressenden Wurm der Lüge zwischen Menschen. Ob diese Lügen nun militärisch oder persönlich sind ist pure Definitionssache.

Kurze Zeit später fällt Efraim und David ein fetter Auftrag in den Schoß bei dem sie Berettas für U.S. Offiziere nach Bagdad verkaufen sollen. Doch die italienische Regierung macht ihnen einen Strich durch die Rechnung und sie lassen die Waffen nach Jordanien liefern, müssen die Pistolen dann aber von dort selber über die Grenze in den Irak schaffen. Unvermittelt sehen sich die beiden Schreibtischtäter in Zentrum des Verbrechens.

ARMS AND THE DUDESPhillips, der seinen Film mit Freeze Frames, bissigen Rock´n´Roll-Bomben wie Iggy Pops „The Passenger“ und Titelkarten mit Selbstzitaten schmückt, befördert David und Efraim im Angesicht dieser Problematik nach Jordanien. Sollte der Deal scheitern, sind sie aus dem Geschäft. Bravurös liefert er diesen plötzlichen Distanzwechsel als absurd-abenteurliche Sequenz ab. In der Fremde nun will Efraim nicht als der hässliche Amerikaner angesehen werden und lässt ihn doch an jeder Ecke und bei jeder Gelegenheit heraushängen. David will eigentlich nur nach Hause und bloß keinen Ärger.

Dennoch finden sich die beiden an der Seite eines abgerissenen Schmugglers in einem noch windschieferem LKW wieder, die Ladefläche voller italienischer Mordwerkzeuge. 500 Meilen Wüste, Grenzkontrollen und scharf schießende Kombatanten liegen auf ihrem Weg. All das verpackt in die existenzielle Comedy des Schreckens. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass beide Darsteller komplett gerade heraus spielen. David erscheint angespannt, mit dem Versuch zu berechnen, bei absoluter Überforderung. Milles Teller gelingt es wunderbar, seine Ehrlichkeit magnetisch auszuspielen.

Jonah Hill wiederum gelingt das Kunststück ein absolut von Charme befreites Arschloch darzustellen und dennoch direkt eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. In jeder Szene lugt aus der übergewichtige Fassade seines Charakters der rücksichtslose Soziopath. Er sollte uns abstoßen und als Antagonist dastehen, aber in „War Dogs“ wird Hills Charakter zum eigentlichen Star voller wild entschlossenem Charisma aus den eigenen, inneren Abgründen.

In einer in Las Vegas (wo auch sonst?) angesiedelten Szene landen die beiden auf einer Militärmesse. Hier treffen die zwei Antihelden auf einen legendären Waffenschieber aus dem Untergrund, gespielt von Bradley Cooper. In eine Aura von „International Man of Mystery“ gehüllt, passen er und seine Rolle wieder einmal formidabel. Cooper schlägt ein Geschäft vor: 100 Millionen AK-47 Kugeln sollen an das afghanische Militär verscherbelt werden. Genug Kugeln rosten in Albanien vor sich hin, käuflich zum kleinsten Preis. Wie von dem diabolischen Versucher Cooper befeuert, taumeln die beiden Hauptakteure nun aus ihren Bahnen in Richtung Untergang.

Phillips, auch wenn er rückblickend in fast jeder Szene auf seine Botschaft hinweist, haut uns die moralische Lehre nicht um die Ohren. Er lässt den Zuschauer genießen. „War Dogs“ präsentiert die Versuchung des schnellen Geldes und zeichnet den „Hangover“ am Tag darauf sauber nach.

 

 

Kritikerspiegel War Dogs



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


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