KRITIK

Wand, Die

Plakat zum Film Die WandSolche Dinge geschehen einfach nicht. Nicht in einem kleinen Dorf, nicht in Oberösterreich und nicht in Europa.“ Aber sie sind geschehen, genau dort. Dort, wo vor dem erhabenen Bergrelief mit seinem tiefen Nadelwald die Berghütte der Erzählerin steht. Das befreundete Ehepaar, das die namenlose Frau hier besuchte, ist eines Abends nochmal ins Dorf gefahren. Sie blieb lieber hier, allein, wie sie es nun immer sein wird. Etwas ist zwischen sie und den Rest der Welt getreten: kühl, glatt, mit den Augen nicht wahrnehmbar und doch undurchdringlich: „Die Wand“.

Die Wand, dieses ungeheure, spektrale, absurde und zugleich beängstigend plastische Objekt, das den zugleich dräuenden und beklemmenden Filmraum und die Welt von Marlen Haushofers gleichnamigem Roman definiert, ist die Materialisierung einer seelischen Grenze, welche die Hauptfigur, beherrscht und zurückgenommen verkörpert von Martina Gedeck, vom ersten Moment an von den übrigen Menschen trennt, lange bevor sie es physisch tut. Den Tagesablauf vor dem Einsetzen der Veränderung beschreibt die Ich-Erzählerin als alltäglich ohne beunruhigende Auffälligkeiten. Gerade in dieser vermeintlichen Gewöhnlichkeit zeigt sich das Abnorme der Protagonistin. Sie redet nicht und bleibt affektlos, noch bevor das titelgebende Sinnbild von Julian Roma Pölsers in kühlen und stummen Waldszenen, die bisweilen an spätromantische Gemälde einer anachronistischen Eremitin erinnern, schwelgenden Filmadaption greifbar wird.

Szene aus dem Film Die WandAusführlich berichtet sie von der Trauer um Luchs, ihren Hund und Perle, das Katzenjungen niemals jedoch von der Trauer um Menschen. Das befreundete Ehepaar bleibt so unbedacht von jedem Verlust- oder Trauergefühl, als wären sie schon immer starre Wachsfiguren auf der anderen Seite einer unsichtbaren Mauer gewesen. Luise findet niemals Erwähnung, Hugo nur als ein Hypochonder, dessen Vorsorgewahn die Frau ihre Vorräte verdankt. Mehr Charakterprofil als er besitzt sein Hund, den sie niemals Hund nennt, sondern bei seinem Namen: Luchs. Das Tier, das ihr am nächsten ist, heißt nach einem anderen Tier, als sei ein menschlicher Rufname schon zu viel des Menschlichen. Die Eigennamen und ihre Verwendungsweise machen die Tiere zu individuellen Gefährten; einen Rang, der den Mitmenschen verwehrt bleibt. „Wir waren zu viert.“, sagt die Schreiberin von sich, dem Hund, der Kuh und der Katze, während sie von den Eheleuten und sich nie als Gruppe spricht.

Wer sie waren, was sie emotional mit der Protagonistin verbunden haben mag, bleibt im Dunkeln. Vielleicht, weil es auch der Frau dunkel war. Man erfährt nur die trennende Eigenschaft, die der greifbaren Sezession vorangeht: dass sie Jäger waren. Menschen, die als Sport und zum Spaß betreiben, was ihr tiefe Abscheu bereitet: das Töten. Nur ein einziges mal geht es ihr leicht von der Hand. Da erschießt sie einen unversehens auftauchenden Mann. Er ist die Verkörperung roher Aggressivität in einem filmischen Mikrokosmos, der alles Männliche abtötet und frigider, zutiefst animoser Weiblichkeit vorbehalten scheint. Dieser dramaturgische Schlüssel ist der letzte, den es braucht, das allegorische Rätsel zu erschließen. Die Erzählerin ist selbst ihre eigene Kerkermeisterin, unfähig eine unbewusst selbst gezogene Trennlinie zu überschreiten wie die Abendgesellschaft in Luis Bunuels „Würgeengel“. Entgegen Bunuels Figuren widersetzt sich sich nicht einmal oberflächlich der Einkerkerung. Es gibt keinen Ausbruchsversuch, keinen Versuch die Wand gewaltsam zu zerstören, nur ein gemessenes Abschreiten des Käfigterrains.

Jeder andere ist in diesem Mikrokosmos ein Eindringling, ein Fremdkörper, der an diesem Ort nichts zu suchen hat. Als solcher betrachtet sie sich selbst, verrät ihre Verbundenheit zu Perle und einer weißen Krähe. Perle muss sterben, weil die hochgezüchtete Angorakatze der ursprünglichen Wildnis zuwiderläuft. Die Albino-Krähe, keine Laune der Menschen, sondern der Natur, wird zum sinnbildlichen Seelenvogel der Protagonistin: „Ein trauriges Unding, das es nicht geben dürfte. Sie weiß nicht, warum sie ausgestoßen ist. Immer wird sie eine Ausgestoßene sein.“ Ab dem 11. Oktober in Deutschland im Kino.

  



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INHALT

Eine Frau schreibt in einer Jagdhütte ihre Geschichte auf, um sich nicht in Einsamkeit zu verlieren: Mit einem befreundeten Ehepaar und deren Hund ist sie vor über zwei Jahren in die Berge Österreichs gefahren. Ein Wochenendausflug. Als das Ehepaar am ersten Abend von einem Besuch im Dorf nicht zurückkehrt, macht die Frau sich auf die Suche. Mitten in der Natur stößt sie gegen eine unsichtbare Wand, eine unerklärliche Grenze, die sie vom Rest der Welt trennt. Die Frau ist auf sich selbst gestellt. Irgendwie muss sie überleben und sich mit ihren Ängsten aussöhnen, die sie immer wieder zu überwältigen drohen. Abgeschnitten vom Rest der Welt wird sie vor die unausweichlichen Grundfragen des Lebens gestellt...
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