KRITIK

Waltz with Bashir

Waltz with Bashir Es ist ein so schlichtes wie staunenswertes Experiment: Man legt einem Menschen Fotos aus dessen Jugend vor, Familienschnappschüsse, Partybilder, wahllose Lebensausschnitte. Aber darunter gemischt ist ein Bild, das den jeweiligen Kandidaten als Kind in einem Vergnügungspark zeigt. Eine Montage, ein Trugbild. Doch achtzig Prozent der Probanden beginnen sich an diesen schönen Tag zu erinnern. Das Gedächtnis ist ein naiver Geselle, leicht zu übertölpeln.

Um Erinnerung und Verdrängung kreist Ari Folmans animierte Dokumentation „Waltz with Bashir“. Der Auslöser dieser in jeder Hinsicht außergewöhnlichen filmischen Recherche ist ein Albtraum. Einem Freund des Regisseurs erscheinen wiederkehrend 26 wilde Hunde im Schlaf, die ihn jagen und sich unter seinem Fenster zusammenrotten. Der Traum basiert, wie sich herausstellt, auf einer Begebenheit während des israelisch-libanesischen Krieges im Jahre 1982.

Obwohl er damals als Soldat gedient hat, kann sich Ari Folman kaum an diese Zeit erinnern. Woher diese Amnesie? Er beginnt, ehemalige Kameraden zu befragen, Zeitzeugen, Psychologen. Und dringt, Schicht um Schicht, zu einem Trauma der israelischen Gesellschaft vor, stößt auf die Massaker von Sabra und Shatila, diesen grausamen Übergriffen christlicher Falangisten auf palästinensische Flüchtlingslager unter den Augen der israelischen Armee, die tatenlos zusah.

Es ist kein Film, der jenen Israel-Kritikern in die Hände spielen könnte, die auf perfide Weise palästinensische Schicksale und die Erfahrungen der Shoah vermengen. Vielmehr inszeniert der Dokumentarist Folman eine Geschichte, die universelle Geltung erlangt – wo Menschen schuldig geworden sind, wird totgeschwiegen, tabuisiert.

Es gibt keine Bilder von den Massakern, es ist eine Reise in den eigenen Kopf, ins Grenzland zwischen Fakten und Fiktion. Die Form der Animation, die immer wieder auch mit jenen pathetischen, gegenlichtseligen Kriegs-Bildern spielt, die das Genre spätestens seit „Apocalypse Now“ liebt, erweist sich hier auf geniale Weise als sujetdienlich.

Folman hat viele Interviews geführt und auf Video aufgenommen, die später nachgezeichnet wurden. Zugleich hinterfragt er permanent die Begriffe von Wahrheit und Realität. Er hat – ähnlich wie Marjane Satrapi mit „Persepolis“ – eine berührende Kunstsprache für die eigene Biografie gefunden.



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INHALT

Der Regisseur Ari Folman kann sich nur noch dunkel an seinen Einsatz als junger Soldat im Libanonkrieg 1982 erinnern. Daraufhin besucht er alte Freunde und Kameraden, um die Lücken zu füllen - mit grausigem Ergebnis: Denn er hat ein berüchtigtes Massaker verdrängt, bei dem sie alle Zeugen wurden. Christliche Milizionäre töteten palästinensische Flüchtlinge in Sabra und Schatila, während die israelische Armee und zuständige Politiker zusahen.
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Eure Kritiken zu Waltz with Bashir

  1. Udo

    Ein Meisterwerk. Filme, die neue Wege gehen und etwas wagen und zudem noch so atemberaubend sind, gehören in eine andere Kategorie. Vergessen darf man dabei nicht, dass dieser Film aus Israel kommt. Unbedingt sehenswert!

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