KRITIK

Wall Street: Geld schläft nicht

Wall Street: Geld schläft nicht Der Beginn ist Blues Brothers, nur ohne die Kondome. Gordon Gekko, der Wertpapierkriegsgewinnler aus dem 23 Jahre alten Original, wird aus dem Gefängnis entlassen. Insidergeschäfte, natürlich. Während die begnadigten Gangsterrapper in ihre Hoods chauffiert werden, wartet niemand auf den einstigen Finanzhai. Am wenigsten seine Tochter Winnie, die den Drogentod des Bruders dem abwesenden Vater anlastet, sich aber dennoch einen aufstrebenden Börsenyuppie geangelt hat. Dieser Jake Moore bringt nicht nur die steinige Familienzusammenführung ins Rollen, er ist auch – wie seinerzeit Charlie Sheens Charakter Bud Fox, dem Oliver Stone hier einen süffisanten Kurzauftritt gönnt – die eigentliche Hauptfigur.

Das äußerst komplexe Drehbuch von „Wall Street: Geld schläft nicht“ manövriert den unbedarften Jungspund mitten hinein in einen mit harten Bandagen geführten Hochfinanzkampf, in dem Freund und Feind mehrmals die Seiten wechseln, über allem schwebt jedoch der Börsencrash und die Finanzkrise der vergangenen zwei Jahre. Die freilich diesen Film überhaupt erst ermöglicht haben, war doch zuvor für lange Zeit – Neuer-Markt-Euphorie und ähnlicher Auswüchse zum Trotz – jemand wie Gordon Gekko zum 80er-Jahre-Relikt abgestempelt worden und „Wall Street“ zu einem typischen Filmbeispiel jener Dekade, grell und zynisch. Nun sind dieser skrupellose Charakter und sein Gebaren aktueller denn je, seine vermeintliche Läuterung ebenso, für eine Fortsetzung nach mehr als zwei Jahrzehnten sprach dennoch kaum etwas.

Oliver Stone wirkte müde und wenig angriffslustig zuletzt, seine handzahme Bush-Satire „W.“ und das Patriotismus-getränkte 9/11-Mahnmal „World Trade Center“ ließen den früheren Furor des Vietnam-Veteranen schmerzlich vermissen, im Grunde hat der dreifache Oscar-Preisträger in den vergangenen zehn, zwölf Jahren keinen guten Film mehr abgeliefert. Auch an Michael Douglas, einst mit dem ersten „Wall Street“ auf dem Zenit seiner Karriere, ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, wirklich große Rollen wurden mehr und mehr Mangelware. Gesunde Skepsis schien bei der Ankündigung dieses Sequels also angebracht, eine sichere Bank – so viel Wortspiel muss sein – würde dieser zweite Ausflug aufs Parkett kaum werden. Doch mit einer enormen Kraftanstrengung, einem ungemein clever verwobenen Script und einer klug-ironischen Inszenierung haben Stone & Co. eine für das derzeitige Hollywoodoutput absolute Rarität auf die Leinwand gewuchtet: intelligentes, unterhaltsames, erwachsenes Mainstreamkino. Das seine Figuren und die Zuschauer gleichermaßen ernst nimmt und auch fordert, das sich nicht in CGI-Exzesse oder pubertäre Albernheiten flüchtet und zudem das Feld differenzierter Charakterentwicklungen nicht kampflos den führenden TV-Serien wie „Mad Men“ oder „The Wire“ überlässt.

Auch wenn nicht jede Wendung restlos überzeugt oder die schiere Informationsflut an manchen Stellen den Film bisweilen überfrachtet, merkt man Oliver Stone und seinen Mitstreitern in jeder Einstellung die diebische Freude an, einen bissigen Kommentar zur Lage der Nation abzuliefern und ihn in ein subversives Hochglanzgewand zu kleiden. Kameramann Rodrigo Prieto, einer der besten seiner Zunft, sorgt für atemberaubende Ansichten New Yorks und findet auch in den intimen Momenten die richtige Balance, Songs von David Byrne und Brian Eno befeuern die Szenerie zusätzlich mit sarkastischen Texten.

Sentimentale Anflüge leisten sich die alten Haudegen Stone und Douglas dann doch, aber sie umschiffen die etwaige Rührseligkeit bei der verspäteten Familienrettung durch große darstellerische Momente. Wie auch der gesamte Cast um den erstaunlich engagierten Shia LaBeouf, die einmal mehr liebreizend-kämpferische Carey Mulligan und den lustvoll niederträchtigen Josh Brolin beeindruckendes Schauspielerkino aufbieten.

Geld schläft nicht, konstatiert bereits der ungelenke Untertitel. Schön zu sehen, dass auch diese Art von Filmen, trotz aller finanziellen Unwägbarkeiten, ebenfalls noch nicht sanft entschlummert ist.



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INHALT

Gordon Gekko ist wieder auf freiem Fuß. Die Welt mag sich in den vergangenen 20 Jahren verändert haben, aber die Gier nach Macht und Reichtum ohne Rücksicht auf Verluste ist immer noch allgegenwärtig. Zunächst aber wirkt Gekko reumütig. Weil seine Tochter Winnie seit Jahren nicht mehr mit ihm spricht, versucht er sich ihr über ihren Verlobten, den ambitionierten, aber unverdorbenen Wall-Street-Broker Jacob anzunähern. Jacob ist fasziniert von dem ehemaligen Finanztitan und spricht ihn auf dessen weltmännische Art an. Als er bemerkt, was Gekko wirklich vorhat, ist es zu spät.
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Eure Kritiken zu Wall Street: Geld schläft nicht

  1. Arny

    Film hat mich nicht wirklich umgehauen. Gut besetzt, aber diese doch etwas moralinsaure Familientragödie nervt im Vergleich zum Erstling doch gewaltig. Obwohl ich immer wieder gerne ein Film mit Carey Mulligan sehe.

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