KRITIK

Wahnsinnig verliebt

Wahnsinnig verliebt Oh wie böse, oh wie gut! Da regt sich die französische und auch die deutsche Presse darüber auf, dass die Heilige Audrey Tautou, das erdenferne Wesen aus dem Erfolgsfilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“, in „Wahnsinnig verliebt“ nicht die Amélie sei, die alle hier erwartet hatten (der Autor dieser Kritik war vorgewarnt, aber was er nicht selbst gesehen hat, glaubt er nicht!); andere schrieben, sie habe sich in diesem zweiten Film so sehr gegen alle Erwartungen, gegen alles Vorgefasste so steif gemacht, dass sie eben so dahergekommt: steif, aufgesetzt, eben wieder nicht die Amélie!
Aber die wäre in Laetitia Colombanis erstem Kinofilm auch völlig falsch besetzt gewesen … und gerade wieder nicht. Denn wie immer man die schauspielerischen Leistungen des süßen Fratzes einschätzen mag, Audrey Tautous Verkörperung des Reinen, Harmonischen, dessen, was wir für eine schwärmerische Tagträumerin halten mögen, die keiner Fliege, höchstens sich selbst etwas zu Leide tun könnte, dieses alles benutzt die Regiesseurin, und ist damit nicht nur Tautou gegenüber skrupellos.
Die Amélie-Images im Kopf, warten wir – trotz mancher Vorwarnung vielleicht – auf süßen Kampf und bemitleidenswertem Scheitern der Heldin, Erotomanie hin oder her, ihr vom Schicksal auferlegtes Scheitern wird uns wehtun, das wissen wir. Wir glaubten jedenfalls es zu wissen.
Colombanis größte Versuchung des Zuschauers geht problemlos auf, solange sie uns die stimmungsvollen Bilder schenkt, die alle von Angélique gemalt wurden. Bis zur Filmmitte werden wir auf eine falsche Fährte gelockt mit Hilfe eines Images, das wir gar nicht überprüfen wollten, es ist einfach zu schön.
Natürlich geht es in „Wahnsinnig verliebt“ – das „wahnsinnig“ ist durchaus wörtlich zu nehmen – nicht in erster Linie um die mögliche Vervielfältigung von Wahrheit; jeder Hinweis auf Kurosawas Meisterfilm „Rashomon“ (1950) wäre da bloße Eitelkeit eines auf Kennerschaft zielenden Autoren. Eher spüren die Zuschauer bereits von der ersten Einstellung des zweiten Filmteils an, dass es hier jemandem einfach nur sehr viel Spaß macht, den bisher irregeleiteten Zuschauer schrittweise über seinen Irrtum aufzuklären, und das in mitunter verblüffend einfachen wie deutlichen Bildern, bei denen man sich immer wieder fragt, wieso habe ich das vorher nicht gesehen?!
Colombani gelingt das alles, indem sie die Geschichten, die uns im ersten Teil so vollständig erschienen, entweder in ihrer direkten Fortsetzung erst zum wirklichen Abschluss bringt, oder in einer Art Gegenschuss den perspektivischen Standpunkt tauschen lässt, um von hier aus der anderen Seite ins Gesicht zu sehen. Doch will man wissen, warum das Raffinierte immer nur das Einfachste ist, wird man sich den Film noch ein zweites Mal ansehen müssen; ob wir dadurch erfahren, was nach dem letzten Schnitt kommen könnte, das in dem letzten Bild angedeutet wurde, steht dahin; das Beste, so viel steht fest, scheint es jedenfalls für alle Beteiligten nicht zu sein. Benedikt Kraft



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INHALT

Die junge Künstlerin Angélique ist verliebt. Sie kauft und schenkt Blumen, sie schreibt kleine Briefchen auf schönstem, handgeschöpftem Papier, sie verabredet und sie trifft sich mit der großen Liebe Loïc. Der ist Herzspezialist oder – in diesem Zusammenhang genauer – Spezialist für das menschliche Organ Herz.
Zwar scheint er auch in Herzensangelegenheiten nicht der Dümmste zu sein, doch irgendwie werden seine Beteuerungen seiner Ehefrau einerseits und die Versprechen Angéliques gegenüber andererseits immer weniger glaubwürdig. Allem Anschein nach bewegt sich der nüchtern wirkende Mann auf zusehends unsicherem Herzens-Boden; und mit ihm der Zuschauer.
Der jedenfalls fragt sich mitten im Film, ob es für die zarte und selbstlos Liebende überhaupt gut ist, wenn Loïc seine gerade schwangere Frau Angéliques wegen vielleicht verlassen würde, schließlich wirkt der Arzt schon um so vieles älter, gesetzter, langweiliger als die fantasiereiche, schwärmerische Künstlerin.
Doch weil Loïc die Bezaubernde immer wieder aufs Gemeinste versetzt, verleugnet und in durchsichtiger Weise hinhält, dreht diese den Gashahn auf und .... und mitten im Film könnte ein mittelprächtiger „Was soll uns das sagen“-Film zuende sein. Wenn das ganze gerade Geschilderte nicht noch einmal im Schnelldurchlauf zurückgespult würde und die Geschichte ein zweites Mal erzählt würde, dieses Mal aus einer ganz anderen Perspektive.
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Eure Kritiken zu Wahnsinnig verliebt

  1. Manni

    NettTragisches Liebesdrama, gemischt mit einer angenehmen Portion Leichtigkeit und gutem Unterhaltungswert, nett.

  2. Udo

    Tautou!!!!!!!!!!!!!Ok, ich gebe zu, ich hatte einen Grund, mir den Film anzusehen und der heisst Audrey Tautou. Sie hat wirklich Talent, das hat sie mit ihrem zweiten (bekannten) Film bewiesen, Warum der Film im zweiten Drittel alllerdings eine so starke Wendung nimmmt, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, dennoch ein guter Film…

  3. Colonia

    Audrey Tutou wird wohl allen Kinogängern für immer „Amélie“ sein, da kann sie sich noch so anstrengen. Zum Beispiel in dieser ebenso zauberhaften wie irritierenden Geschichte aus der Stadt der Liebe.

    Pfiffig

    Ein toller Film mit pfiffigem Ende. Sehr empfehlenswert. Nur die Inhaltsangabe darf man vorher nicht lesen, das verdirbt den Spaß.

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