KRITIK

Vorleser, Der

Vorleser, Der Wie nahe doch Banales und Bestürzendes oft beieinander liegen. Als Stephen Daldrys „Der Vorleser“ auf der Berlinale gezeigt wurde, da beschäftigten vor allem zwei Fragen die Journalisten: Wie war es für den kaum 18-jährigen deutschen Schauspieler David Kross, Nacktszenen mit dem in jeder Hinsicht reiferen Weltstar Kate Winslet zu drehen? Und verharmlost der Film eigentlich die Gräuel des Holocaust?

Der erste Punkt ist von allen Beteiligten mittlerweile in Buchbreite beantwortet worden, außerdem für Außenstehende eher uninteressant. Jedenfalls zählen die Passagen, in denen Kross den Oberschüler Michael Berg spielt, der im Provinzmief einer deutschen Nachkriegs-Kleinstadt ein Verhältnis mit der 20 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz beginnt, eindeutig zu den stärkeren in dieser Adaption des Bestsellers von Bernhard Schlink. Sicher, die wechselseitige Éducation sentimentale raschelt ein bisschen papieren, das war schon in der Vorlage so, aber schön ist das Motiv trotzdem: Wie da ein Heranwachsender in die Kunst der Erotik eingeführt wird und im Gegenzug der ihm fast unbekannten Geliebten vorliest, aus Homers „Odyssee“, aus Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“, das besitzt eine berührende Leichtigkeit und dazu ein Geheimnis, das besser nie gelüftet worden wäre.

Was zur zweiten Frage führt, an deren Brisanz auch der „Oscar“ für Kate Winslet nichts ändert. Hanna wird sich als ehemalige KZ-Aufseherin entpuppen. Nach einem großen Bruch sieht Michael die Geliebte erst Jahre später zufällig vor Gericht wieder, während eines Prozesses, den er als Jurastudent verfolgt und in dem sie auf der Anklagebank sitzt.

Wo schon Schlinks Roman nun seine arge Mühe mit verquasten Schulderörterungen bei gleichzeitiger Schilderung von Michaels anhaltender, traumatisierender Liebe bekommt, da versagt Stephen Daldrys Film völlig.

Und es stimmt, er verkitscht diese Hanna, die bei Winslet stets grundgut erscheint, zur Dame mit dem Sündchen. Mit welcher Geisteschlichtheit der Regisseur („The Hours“) die Rettung dieser bemitleidenswerten Analphabetin durch die heilende Kraft der Literatur bebildert, ist unerträglich.



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INHALT

Deutschland, Ende der 50er Jahre. Sie ist rätselhaft und viel älter als er … und sie wird seine erste Leidenschaft. Eines Tages ist Hanna spurlos verschwunden. Erst Jahre später trifft Michael sie wieder - als Angeklagte im Gerichtssaal. Hier erfährt er von ihrem persönlichen Schicksal und von ihrer grausamen Vergangenheit als KZ-Aufseherin. Am Ende wird er sie durch seine nie verlorengegangene Zuneigung erlösen …
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Eure Kritiken zu Vorleser, Der

  1. Eiri

    Ich habe vorher das Buch gelesen und muss sagen, dass ich sogar angenehm überrascht war! Es ist ja bekannt, dass gerade Geschichten, die als Buch herrausragend waren, schlecht verfilmt werden konnten, weil eben diese Verfilmung nicht alle Feinheiten und Kleinheiten berücksichtigen KANN. Das wird immer von Buchverfilmungen erwartet und dann in der Kritik verrissen. Ich finde den Film wirklich gelungen. Am Anfang der Geschichte hätte man die Entwicklung der Beziehung der Beiden etwas mehr beachtung schenken und deren gravierende Bedeutung für den jungen Michael deutlicher machen können. Ansonsten wirklich gelungen! Besonders die Weichheit und Härte, die diese Frau in sich vereint wurde sehr gut herübergebracht. Allerdings hätte ich mit eine bessere Besetzung als Kate Winslet vorstellen können! Ich habe im Film schon meine Zeit gebraucht, um mich auf die Schauspielerin einzulassen, da ich mit Hannah doch ziemlich anders und nicht so…hübsch vorgestellt habe. Ich bin sehr zufrieden aus dem Kino gegangen und würde den Film jederzeit weiterempfehlen. Wer allerdings Hollywood (wahrscheinlich fälschlicherweise wegen der (fehl)Besetzung der Hannah mit Kate Winslet) Entertainment erwartet, ist bei dem Film wirklich falsch. Und ich kann auch nicht beurteilen, wie der Film wirkt, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Wie dem auch sei, ich bin angenehm überrascht! 7 Sterne!

  2. tine

    ACHTUNG! die Mehrfilm-Kritik enthält massiv Spoiler für die, die das Buch nicht gelesen haben!

    von mir nur kurz: ich fand den Film sehr gelungen und definitiv fesselnder als z.b. Benjamin Button. Von mir aus definitiv ein Tip! Und wer das Buch nicht gelesen hat sollte versuchen so wenig wie möglich über den Inhalt zu lesen (was leider bei manchen Kritiken schwer möglich ist), da der Film schon eine recht eigene Dramaturgie hat, die meiner Meinung nach dann erst richtig wirkt. Und DANN kann man sich selbst ein Urteil bilden über die Wahrnehmung der Schuld des Einzelnen.

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