KRITIK

Virgin Mountain

Bild (c) Alamode Filmverleih 2015.

Bild (c) Alamode Filmverleih 2015.

Plötzlich steht sie da, mutterseelenallein, draußen vor der Tür. Mitten im Schneesturm. Diesen zierlichen, blonden Engel dort stehen oder gar alleine nach Hause gehen zu lassen wäre unmenschlich. Also überwindet Fúsi, die Titelfigur, für diesen einen Moment seine inneren Ängste. Er öffnet die Tür seines Trucks und bietet dem Engel, der just von einer Tanzstunde kommt an, sie nach Hause zu bringen. „Du bist doch kein Serienkiller oder so?“ will Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir) von ihrem hilfsbereiten Chauffeur wissen. Sie lächelt dabei verlegen. Der Zuschauer weiß bereits sehr viel mehr. Denn zu diesem Zeitpunkt ist „Virgin Mountain“, so der (unmögliche) deutsche Titel dieses bezaubernden Films, mehr als 20 Minuten alt. Die Lebensumstände der titelgebenden Hauptfigur sind längst skizziert.

Dennoch bleibt ein Unbehagen. Was ist mit diesem sympathischen Hünen? Was wird er (noch) tun? Liegt dieses Unbehagen vielleicht daran, dass Fúsi Mitte vierzig ist, sehr dick, ein wahrer Berg von Mann, mit Zopf und Halbglatze, der immer noch bei seiner Mutter wohnt? Oder liegt es an seinem Hobby, dem Modellbau, meistens dem Nachbau historischer Schlachten mit seiner Miniatur-Armee? Und wie sehr leidet Fúsi unter dem Mobbing seiner Kollegen auf der Arbeit am Flughafen? Regisseur und Drehbuchautor Dagur Kári spielt gekonnt mit diesen vermeintlichen falschen Einschätzungen, Vorurteilen und Klischees. Er verstärkt das Unbehagen zudem noch, indem er das Geschehen in eine einsame Kleinstadt Islands verlegt. Mitten im Winter. An diesem verlassenen Ort dürften einsame Menschen noch einsamer sein.

Szene_FusiFúsi hat sich eingerichtet in seiner Routine zwischen Kofferstapeln, Abendessen mit seiner Mutter und nächtlichen Ausfahrten mit seinem Truck. Als er allerdings vom neuen Freund seiner Mutter einen Tanzkurs zum Line-Dance geschenkt bekommt, zu dem er sich nur mit großer Mühe hat überreden lassen, trifft er auf Sjöfn, einer vermeintlichen Tanzpartnerin, die an diesem Abend – wie er – keine Begleitung hat.

Regisseur Dagur Kári widersteht im Folgenden glücklicherweise nicht nur der Verlockung, seine Figur in eine kitschige Romanze zu schicken, sondern auch zahlreichen Fallgruben, die sich auftun, wenn man seinen Film mit einer unattraktiven Hauptfigur besetzt. Fúsi ist sehr weit weg von einem Womanizer, er ist weder Komödiant noch Serienkiller; Fúsi, herausragend verkörpert von Gunnár Jonsson, ist ein sehr realer Charakter, ein Einzelgänger, der in seinem Leben durch Verweigerung zahlreiche Weichen gestellt hat.

Dabei erzählt Kári die Begegnungen seiner Titelfigur unaufgeregt, vertraut ganz seinen Nebenfiguren, deren Schwächen er weder bloßstellt noch überzeichnet, die er aber trotzdem voller Zuneigung beobachtet. Denn eines ist zu Beginn eigentlich völlig klar, Fúsi ist ein stiller Held. Eine Filmfigur, die man gerne zum Freund hätte.

 

 

Kritikerspiegel Virgin Mountain



Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Carsten Happe
filmgazette, Der Schnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel November.

 



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INHALT

Der herzensgute Mittvierziger Fúsi ist zwar längst kein Kind mehr, aber deswegen trotzdem noch lange nicht wirklich erwachsen. Er lebt nach wie vor bei seiner Mutter, hatte noch nie eine Freundin und in seiner Freizeit widmet er sich am liebsten Spielzeugsoldaten und ferngesteuerten Autos. Doch sein von ewiger Routine und hämischen Kommentaren seiner Arbeitskollegen geprägtes Einzelgängerleben wird bald schon auf den Kopf gestellt. Erst freundet er sich mit dem neuen Nachbarsmädchen an, dann bringt ein nicht ganz freiwillig besuchter Tanzkurs noch viel größere Veränderungen mit sich. Dort lernt er die ebenso attraktive wie liebenswürdige Sjöfn kennen, die in ihm vollkommen neue Gefühle auslöst. Doch die zarte Liebe, die sich zwischen den beiden anzubahnen scheint, hält ungeahnte Überraschungen und Komplikationen bereit. Jetzt ist es an Fúsi, aus seinem Trott auszubrechen und endlich der Welt zu zeigen, was in ihm steckt. (Text: Alamode Filmverleih)
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