KRITIK

Vier Minuten

Vier Minuten Die Kamera fliegt zu Beginn über eine Stadt, übers Wasser oder über Gott–weiß-was. Wie oft hat man diesen Filmbeginn schon gesehen. Anfänge können viel über einen Film erzählen. Der Beginn von „Vier Minuten“ ist anders. Der Beginn dieses Filmes lässt bereits in den ersten Sekunden Großes erahnen. Morgendämmerung, der Wachturm eines Gefängnisses, der Formationsflug einiger Vögel am Himmel, alles ruhig, stets behutsam. In der Musik würde man adagio dazu sagen. Doch dann die ersten Überraschungen: Eine Leiche hängt an einem Seil, eine Zelle mit zwei Frauen, die andere fingert die letzten Zigaretten aus der Tasche der Toten. Wow!

Die andere ist Jenny oder besser Hannah Herzsprung, die hier sofort loslegt wie die Feuerwehr. Mit steter pulsierender Zornesfalte auf der Stirn, dazu der irre Blick von schräg unten: Wilder Haarschopf und Kristallklare blaue Augen komplettieren das Bild einer in sich zerrissenen Person, einer Borderlinerin, die sich nach innerer Freiheit sehnt. Herzsprungs Spiel ist so gut, dass es zu Manieriertheiten neigen könnte, wenn es nicht abgebremst würde. Oder wenn es nicht spannungsreich konterkariert würde von einem besonnenen und unaufgeregten Gegenpart.

Dieser Gegenpart ist Traude Krüger, Musiklehrerin der Anstalt und herausragend gespielt von Monica Bleibtreu. Sie hat sich für diese Rolle die Haare weiß färben lassen, auch ein paar Falten wurden ihr ins Gesicht geschminkt. Bei einem Trauergottesdienst für anfangs erwähnte Tote spielt die etwa 70-jährige Musiklehrerin auf der Kirchenorgel. Sie bemerkt, wie die Gefangene Jenny in der Kirchenbank auf einer imaginären Tastatur die Melodie nachspielt. Man könnte hier von einem Beginn eines vorsichtigen Abtastens der beiden unterschiedlichen Frauen sprechen. Doch dieses Abtasten entwickelt sich schnell zu einem Duell zwischen zwei Seelenverwandten. Musiklehrerin Krüger will Jenny als Schülerin gewinnen. Doch diese legt sich erst mit einem Gefängniswärter an. Das Duell wird langsam aufgebaut. Als Waffe wurde von beiden das Klavier gewählt.

Chris Kraus hat den beiden Seelenverwandten viel Leid auf die Schultern gepackt. Traude Krüger, die Jungfer mit Dutt und Hornbrille, die von Demut, Zucht und Ordnung redet, hatte im Krieg ihre Geliebte verleugnet, um die eigene Haut vor den Nazis zu retten. Ein Verrat, der ihr bleischwer auf dem Herzen liegt. Jenny befindet sich immer noch tief in einem Trauma aus Vergewaltigung und Mord.

Trotz aller augenscheinlichen Konstruktion: Chris Kraus´ Heldinnen Herzsprung und Bleibtreu disziplinieren sich gegenseitig. Monica Bleibtreu erstickt ihre Wut in Gefühlskälte, Hannah Herzsprungs Emotionen äußern sich ein ums andere Mal explosionsartig und manchmal auch selbstzerstörerisch. Man könnte fast Angst vor dieser Figur bekommen. Um Zerstörung und Hass, um Schuld und Vergebung, das Drama der Jugend und das des Alters geht es hier also, um ein Duell zweier Heldinnen, herausragend verkörpert von Monica Bleibtreu und Hannh Herzsprung.

Chris Kraus liefert hier Schauspielerkino par Excellanze und macht mit seinem erst zweiten Spielfilm und seinen herausragenden Protagonistinnen einen tiefen Knicks vor der Musik, mit all ihrer Macht, ihrem Rausch und ihrem Befreiungspotenzial.

Unverständlich, dass der Film, der bereits Ende 2005 fertig gestellt war, anfangs von den Filmverleihern nicht gewollt wurde. Dann begann der Siegeszug über diverse Filmfeste, der bis nach Shanghai reichte, wo der Film den Hauptpreis gewann.

Wir haben uns nach dem Filmfest in Lünen im November 2006 mit beiden Hauptdarstellerinnen unterhalten.
Hier
das Interview mit Hannah Herzsprung und anschließend mit Monica Bleibtreu nach der Präsentation des Filmes Vier Minuten in Lünen…



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Traude Krüger gibt Klavierunterricht in einem Frauenknast. Den gar nicht zart besaiteten Frauen tritt die gouvernantenhafte Dame mit kompromissloser Strenge und einer unüberwindbar scheinenden persönlichen Distanz gegenüber. Als sie auf die junge Jenny stößt, trifft sie auf eine unberechenbare Gewaltbereitschaft, die sich gegen die eigene wie gegen fremde Personen vehement und ohne Rücksicht auf Verluste entlädt. Doch die Tatsache, dass in Jenny ein großes musikalisches Talent schlummert, das sie seit ihrer Kindheit verleugnet, weckt in beiden Frauen einen Ehrgeiz, der längst überwunden schien. Die Schatten der Vergangenheit haben sich zu einer harten Schale verfestigt, die ihre Kommunikation auf steinige Pfade zwingt. So nehmen sie den Kampf auf: Mit- und gegeneinander ringen sie sich einem wichtigen Musikwettbewerb entgegen, in dem Jenny vier Minuten lang Zeit haben wird, ihre Persönlichkeit in Klänge zu fassen.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Vier Minuten

  1. Otis

    Das erste grosse deutsche Highlight des Kinojahres 2007. Das lässt hoffen. Die Hauptdarstellerinnen waren atemberaubend.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*