KRITIK

Victoria und Abdul

Filmplakat zum Film Victoria und Abdul mit Judi Dench als Victoria und Ali Fazal als Abdul spazieren im Garten

Bild (c) Universal Pictures Germany.

Gleich vorweg: Schade um das historisch hochinteressante und wahre Thema. Einzig Judi Dench, der die Rolle der verbitterten Queen Victoria auf den Leib geschrieben scheint sowie wunderbare Kostüme und Bühnenbilder sind es wert, sich diesen Film anzusehen. Aber das war es dann auch schon. Die Handlung selbst zieht sich mit äußerst spärlichen Höhepunkten über knapp zwei Stunden Laufzeit. Auch auf historisch belegbare Hintergrundinformationen, um ein schlüssiges Gesamtbild vom Charakter der langlebigen Dauerregentin zu erhalten, wurde komplett verzichtet.

Das Historiendrama um Queen Victoria (Judi Dench) und ihren zweiten „Herzensdiener“, dem Inder Abdul Karim (Ali Fazal), beginnt im Jahr 1887. Die britische Königin – zu diesem Zeitpunkt seit 29 Jahren auch Kaiserin von Indien – bekommt aus ihrem entlegenen Reich anlässlich ihres 50jährigen pompösen Thronjubiläums eine Mohur, eine traditionelle indische Zeremonialmünze gesandt. Als auserkorener Überbringer muss der gebildete Abdul neben einer zweimonatigen Schiffsreise auch die Trennung von seiner Frau in Kauf nehmen. Doch Abdul ist der Monarchin schnell treu ergeben. Er bringt bald auch im wahrsten Sinne des Wortes Farbe in den grauen, tristen Alltag der Königin. Missgünstig beäugt vom restlichen Hofstaat, wird der muslimische Inder zum Freund und „Munshi“, einer Art spirituellem Lehrer der missmutigen und egozentrischen Queen.

Szene aus dem Film Victoria und Abdul, pompöses Bankett zu Ehren von Queen Victoria. Das ungleiche Paar findet Gefallen aneinander. Selbst die Frau und Schwiegermutter Abduls werden nach England geholt. In Burkas und mit eigenem Cottage verschärfen sie die Situation am Hofe weiter. Als die Queen Abduls Position weiter stärken und ihn in den Ritterstand erheben möchte, führt dies zu einem der wenigen Höhepunkte im Film: Es entzündet sich eine halbherzige Hofrevolte, die sie monarchisch geschickt mit starker Hand aushebelt. Abdul bleibt letztendlich bis zum Tod der Monarchin im Jahr 1901 ein ihr treu ergebener Diener, wird dann aber von ihrem Sohn „Bertie“ (Eddie Izzard), dem späteren König Eduard VII, umgehend vom Hof gejagt.

Szene aus dem Film Victoria und Abdul, gemeinsame Bootsfahrt auf einem Fluss.So weit so gut … Doch worin genau liegt das Anliegen des Drehbuchautors Lee Hall und von Regisseur Stephen Frears? Wo liegt der Schwerpunkt? Diese erschließen sich leider nicht. Die wahre Geschichte einer im doppelten Sinn wunderbaren Freundschaft wurde isoliert – man versuchte es als absolut autarke Geschichte darzustellen. Doch ohne den Zusammenhang mit Teilen aus Königin Victorias Lebensgeschichte bleibt selbst der interessierteste Zuschauer auf der Strecke. Das was und wie Victoria im fortgeschrittenen Alter zu dem wurde, was sie ist, lag an ein paar einschneidenden Erlebnissen. In erster Linie am Verlustes ihres über alles geliebten Ehemanns Albert, mit dem sie eine symbiotische Abhängigkeit verband.

Szene aus dem Film Victoria und Abdul, zu Tisch mit Judi Dench als Victoria und Ali Fazal, der sich zu ihr hinunter beugt.Der Hass auf ihren gemeinsamen Sohn „Bertie“ wird nur nachvollziehbar, wenn auch erzählt wird, dass sie diesen für den Tod von Albert verantwortlich machte. Wie wunderbar abwechslungsreich und spannend hätte dieses Historiendrama von Stephen Frears („Die Queen„) mit ein paar gelungenen Rückblenden sein können – noch dazu, wenn man dafür ein paar der langatmigen Szenen gestrichen hätte. Dies hätte das Streben und die Sehnsucht der Queen für ihren neuen „Gefährten“, wenn auch nur freundschaftlich, greifbar gemacht und dem Rührenden der Geschichte Nachdruck verliehen. Somit bleiben am Ende nur einige schön verpackte Gedanken und Begebenheiten. Schade, dass dieser Stoff und die geniale Judi Dench somit verheizt wurden.

 

 

 

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