KRITIK

Victoria

Bild (c) 2015 Wild Bunch.

Bild (c) 2015 Wild Bunch.

Die Idee von „Absolute Giganten“-Regisseur Sebastian Schipper war so simpel wie irre. Einen Film wollte er drehen, der zweieinhalb Stunden lang ohne einen einzigen Schnitt auskommt. Damit nicht genug: Schipper plante kein Kammerspiel, sondern einen romantischen Thriller an über zwanzig Schauplätzen. So hetzt jetzt in „Victoria“ das Team um den auf der Berlinale ausgezeichneten Kameramann Sturla B. Grovlen den Darstellern unentwegt hinterher und manchmal auch voraus, immer rund um die südliche Friedrichstraße an der Schnittstelle der Berliner Bezirke Kreuzberg (West) und Mitte (Ost). Der Ablauf war geprobt, Einstellungen geplant, die Ausführung wurde improvisiert. Dreimal ließ Schipper drehen, der dritte Versuch saß.

Leicht kann eine so große formale Besonderheit zu einer Last werden, die den Film zur Zirkusnummer reduziert, zum „Film mit Gimmick“. Umso bemerkenswerter also, dass „Victoria“ nicht in diese Falle tappt, sondern einen geradezu rauschhaften Sog entfaltet. Wenn man sich darauf einlässt. Es ist der seit Jahren hypnotischste Thriller im deutschen Kino.

Szene_victoria_2Da gerät die junge Spanierin Victoria (überzeugende Newcomerin: Laia Costa) in einer Berliner Sommer- und Partynacht an Sonne (Frederick Lau, eben noch in Oskar Röhlers „Tod den Hippies!“ zu sehen) und seine drei Kumpels, man stromert durch die Gegend. Das improvisierte Gequassel im Berlin-typischen, international verständlichen „Bad English“ strengt durchaus ein bisschen an, bis eine Art Scharnierszene in einem leeren Café den Film in eine andere Richtung stößt: Die beginnende Romanze zwischen der orientierungslosen Studentin und dem redseligen Gernegroß wächst sich zum Bankraub-Thriller aus, mit irrer Flucht im Morgengrauen. Fast nebenbei ist dies auch der beste Berlin-Film seit „Lola rennt“.

Im Echtzeitmodus wohnt man als Zuschauer zwangsweise auch der allmählichen Erschöpfung der beteiligten Hauptdarsteller bei. Der Film entfaltet dabei eine staunenswerte Eindringlichkeit, und im Finale, das „Bonnie und Clyde“ und Godards „Außer Atem“ assoziieren lässt, sind beide buchstäblich am Ende ihrer Kräfte. So etwas erlebt der Zuschauer sonst nur an besonders intensiven Theaterabenden. Herausragend.

 

 

 



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INHALT

Eine Stunde noch, dann neigt sich auch diese Nacht in Berlin wieder dem Ende zu. Vor einem Club lernt Victoria (Laia Costa), eine junge Frau aus Madrid, vier Berliner Jungs kennen – Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff). Der Funke zwischen ihr und Sonne springt sofort über, aber Zeit füreinander haben die beiden nicht. Sonne und seine Kumpels haben noch etwas vor. Um eine Schuld zu begleichen, haben sie sich auf eine krumme Sache eingelassen. Als einer von ihnen unerwartet ausfällt, soll Victoria als Fahrerin einspringen. Was für sie wie ein großes Abenteuer beginnt, entwickelt sich zunächst zu einem verrückten euphorischen Tanz – und dann schnell zum Albtraum. Während der Tag langsam anbricht, geht es für Victoria und Sonne auf einmal um Alles oder Nichts ... (Text: Senator Film)
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