KRITIK

Verblendung

Plakat zum Film VerblendungWird im Theater ein klassischer Stoff für die Bühne adaptiert, reden Journalisten anschließend nicht über „gut“ oder „schlecht“, sie beurteilen die Leistung oft mit „das funktionierte“ oder „das funktionierte nicht“. Im Kino ist es ähnlich. Die Adaption eines Romans funktioniert auf der Leinwand oder sie funktioniert eben nicht. Und gleich vorweg: David Finchers Inszenierung des gleichnamigen Stieg Larsson Bestellers funktioniert. Und zwar fulminant. Doch von einem herausragenden Film oder gar von einem Meisterwerk ist Finchers Version von „The Girl with the Dragon Tattoo“ weit entfernt. Es ist nur ein Remake. Wenn auch das mit einer eigenen Handschrift.

Wir lassen an dieser Stelle mal die Diskussion außen vor, ob es nur zwei Jahre nach einer sehenswerten Romanverfilmung aus Schweden bzw. Dänemark unbedingt eines starbesetzten Remakes aus Hollywood bedurfte. Wie heißt es aus Hollywood stets so treffend: „Hollywood don´t read films, they see films!“. Doch vor dem Hintergrund dieser Tatsache muss sich Fincher natürlich dem Vergleich mit dem Original stellen und sich die Frage gefallen lassen, ist seine Version eine eigene Version, die eine klare Handschrift erkennen lässt?

Dass er den Vergleich nicht scheut, beweist David Fincher bereits mit dem Vorspann, einer sehenswerten Titelsequenz, die an die Titelsequenzen von Maurice Binder aus den James Bond Filmen erinnert. Zum aus dem Trailer bekannten Led Zeppelin Song „Immigrant Song“, interpretiert von Karen´O, produziert von Trent Reznor (auch Musik zu „The Social Network), tauchen die typischen Binder-Elemente auf, also tanzende, sexy Körper, die obligatorische Portion Kitsch und natürlich die kleine Prise Humor, hier in Form von ölverschmierten Körpern, die mal zusammen verschmelzen, um sich dann wieder zu trennen.

Szene aus dem Film VerblendungWer sich zu diesem frühen Zeitpunkt bereits in einem James Bond Film wähnte, wird mit der ersten Szene weiter an der Nase herum geführt. Der aktuelle James Bond Darsteller Daniel Craig stürmt aus einem Gerichtsgebäude und flieht vor einer gierig wartenden Pressemeute, die von dem investigativen Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomquist (Craig) Antworten auf die Fragen nach dem soeben verlorenen Gerichtsprozess verlangt. James Bond, der vor einer Pressemeute flieht? Auch in den nächsten etwa 154 Minuten wird es einigen Zuschauern sicherlich schwer fallen, den englischen Geheimagenten vom schwedischen Journalisten zu trennen. Zu ähnlich sind sich beide Charaktere, zu oft inszeniert Fincher seinen Hauptdarsteller als eigenständigen Kämpfer, physisch wie psychisch stark, stärker noch als Stieg Larsson seinen Blomquist in den Büchern gezeichnet hat.

Mit dem nächsten Setting wird klar, dass in Hollywood nicht gekleckert sondern stets geklotzt wird. Das Redaktionsbüro der „Millenium“, einer Wirtschaftszeitung in Schweden, die von den investigativ recherchierten Geschichten ihres Chefredakteurs Blomquist lebt(e), gleicht eher einer luxuriösen Werbeagentur als einem Redaktionsbüro in Schweden. An dieser frühen Stelle stößt ein weitere Makel dieser Neuverfilmung übel auf: Das Product Placement. Es ist nicht nur so, dass es in ganz Schweden nur sehr charismatische, meist blonde Personen zu geben scheint, nein, sie fahren auch alle das gleiche Auto einer bestimmten (nicht mehr schwedischen) Marke und arbeiten alle an einem stylischen Computer-Birldschirm eines Herstellers aus Cupertino, Kalifornien.

Hat sich der Zuschauer an dieses Luxus-Update gewöhnt, darf man sich – zugegeben – am beeindruckenden Schauspiel aller beteiligten Darsteller erfreuen. Bei weltweit 15 Millionen verkauften Romanen der so  genannten „Millenium-Trilogie“ und bereits einer europäischen Verfilmung aller drei Teile muss man davon ausgehen, dass der Filmfan die Geschichte des ersten Teils (engl. Buch- und Filmtitel: „The Girl with the Dragon Tattoo“) kennt. Deshalb nur kurz zusammengefasst: Es geht um einen Wirtschaftsjournalisten, der nach einem verlorenen Prozess das verlockende Angebot eines schwedischen Industrie-Magnaten erhält, ein seit Jahren vermisstes Mitglied der Familie ausfindig zu machen. Dabei wird ihm eine 23-jährige Computer-Hackerin einer Sicherheitsfirma zur Seite gestellt, die selbst viele Geheimnisse in sich trägt. Natürlich kulminiert die Detektivarbeit in einer Liebesgeschichte.

Niels Arden Oplev, der dänische Regisseur der ersten Verfilmung, die unter dem Titel „Män som hatar kvinnor“ in Schweden im Kino lief und nicht nur im Heimatland zahlreiche Rekorde brach, hatte den knapp 700 Seiten umspannenden Thriller auf die Recherchearbeit eines angeschlagenen Journalisten herunter gebrochen. Seinem Hauptdarsteller Michael Nyquist war es hervorragenden gelungen, diese letzte Chance, das angekratzte Selbstbewusstsein eines Journalisten sowie die Angst vor der Verantwortung gegenüber seinem Redaktions-Team glaubhaft auf die Leinwand zu bringen. Daniel Craig ist im Vergleich dazu eher der James Bond unter den Journalisten. „Seine“ Redaktion der Zeitschrift „Millenium“ wird in der US-Version zu Stichwortgebern und Randfiguren degradiert. Allein seine Verlagschefin Erika Berger (Robin Wright) hält noch Kontakt zu ihrem Chefredakteur.

Szene aus dem Film VerblendungDavid Fincher zieht es vor, die geschichtlichen Rückblenden in die 60er ausführlich zu inszenieren. Zudem legt er sein Hauptaugenmerk vielmehr auf die Liebesgeschichte zwischen Blomquist und seiner Assistentin Lisbeth Salander. Die Rolle, mit der im schwedischen Orginal die junge Schwedin Noomi Rapace weltweit auf sich aufmerksam machte (und infolge dessen an der Seite von Robert Downey Jr. und Jude Law in „Sherlock Holmes 2“ brillieren durfte), wird in der US-Version von der jungen Rooney Mara verkörpert. Allein die Teaser-Poster zum Film hatten angedeutet, wie sich Fincher seine Lisbeth vorstellt. Sie ist in der US-Version nicht nur wesentlich kleiner und jünger als die Titelfigur, Fincher sieht sie im Gegensatz zum Original eher als Ausführungsgehilfin, als Point of interest.

Szene aus dem Film VerblendungLisbeth Salander wird von David Fincher nahezu domestiziert. Um dies nicht zu sehr zu strapazieren, bemüht sich Daniel Craig nach Kräften, sich mehr und mehr im Zusammenspiel mit seiner Partnerin zurück zu nehmen. Was ihm nicht immer gelingt. Ronney Mara gelingt es hingegen herausragend, ihrer Rolle mehr mit auf den Weg zu geben als lediglich die sexuell verfügbare junge Frau mit einer schweren Kindheit zu sein, die auf Rache sinnt. Sehr detailliert geht Fincher dieser Liebesgeschichte auf den Grund, zeigt mehr noch als im Original die kleinen Gesten und Blicke, auf die es ankommt. Nicht zuletzt die Schlussszene zeigt, wo für Fincher der Schwerpunkt liegt.

Somit hat der weltweit erfolgreiche Roman durch die US-Version eine neue Lesart bekommen. David Fincher inszeniert, souverän, düster, feinfühlig und hinsichtlich der Altersfreigabe ohne Kompromisse eine schaurig spannende Geschichte, deren Essenz für ihn in der Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptdarstellern liegt. Während es dem Hauptdarsteller Daniel Craig durch seine vor allem physisch starken Präsenz nicht immer gelingt, sein Bond-Image abzustreifen, hat die Pop-Kultur in Rooney Mara eine neue Lieblingsfigur gefunden. Für ihre Darstellung der Lisbeth Salander wurde sie völlig zu Recht für den Golden Globe 2012 nominiert.

 

 

Kritikerspiegel Verblendung



Lida Bach
u.a. film-zeit.de, kino-zeit.de, titel-magazin
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau; mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd Film, Die Welt, FR
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 





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INHALT

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