KRITIK

Up in the Air

Up in the Air Zu Beginn dieses Jahrtausends war noch alles in bester Ordnung. Die New-Economy-Blase war nicht geplatzt, das World Trade Center noch nicht in Schutt und Asche gelegt und von Finanzkrise weit und breit keine Spur. Als hätten Drehbuchautoren schon damals eine Vorahnung gehabt, von dem was da noch kommen könnte, kümmerten sich Hollywood-Filme wieder ein bisschen um, wie es Oliver Stone genannt hat, „die Auswüchse des Kapitalismus“. Ein kleiner Junge führt in „The Kid“ den erfolgreichen Imageberater Bruce Willis aus dem geschäftigen Treiben ins kindliche Ich zurück, und in „Family Man“ entdeckt Nicolas Cage als Börsenmakler und so genannte „Zierde des Kapitalismus“ durch ein Wunder die bescheideneren Freuden des mittelständischen Familienlebens in der Vorstadt.

Das sicherlich aufwändigste Projekt dieser Stoßrichtung in dieser Zeit handelt von einem schicksalhaften Ausstieg, der einem der ehemaligen Protagonisten des Yuppie-Films widerfährt. In `Cast Away – Verschollen` strandet Tom Hanks nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel. Ein von der Kritik unverständlicherweise gehyptes Robert Zemecki Epos, das in vier Kapiteln unentschlossen zwischen Bildungsroman und Abenteuernovelle schwankt.

Nur vier Jahre später befindet sich die Welt im Krieg – auch um das versiegende Öl. Das „Digitale Zeitalter“ nimmt an Fahrt auf. Flughafen-Terminals sind inzwischen die Boxenstopps des zeitgenössischen Nomadentums. Riesige Wartesäle, die das Kino in früheren Jahren immer schon gerne mit Schicksalsschlägen, Romanzen oder langwierigen Nervenzusammenbrüchen aufzuheizen wusste. In Steven Spielbergs „The Terminal“ wuselt sich der knuffig naive Victor Navorski (Tom `Everybodies Darling` Hanks), angelehnt an das Schicksal des Iraners Merhan Nasserdie, gegen ein System, dass sich in der Gestalt des Flughafendirektors (Stanley Tucci) mit Paranoia vor Terrorangriffen verbarrikadiert und im Wahn um Wehrhaftigkeit seine ureigensten Prinzipien von Freiheit und individuellem Glücksversprechen verrät. Willkommen in der Bush-Ära.

In der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts ist der Finanzmarkt zusammengebrochen, im reichen Deutschland gibt es so viele Aussteiger und –wanderer wie noch nie. Der globale Kapitalismus ist heute sehr schnell unterwegs. So schnell, dass er nur noch von wenigen überforderten Managern überblickt und gelenkt werden kann. Auch hier findet Hollywood natürlich die passende Geschichte – und die passende Figur: Ryan Bingham, überzeugend verkörpert von George Clooney, ist die Verkörperung des globalen und flexiblen Kapitalismus.

Ryan Bingham ist die Schachfigur eines Drehbuchs, das den Zuschauern die alten Werte wie Bodenhaftung und Familiensinn wieder schmackhaft machen möchte. Zunächst als Überflieger unterwegs, der alles Ständische und Stehende hasst („Von 365 Tagen im Jahr bin ich nur 44 Tage in meinem Appartment – und ich hasse diese Tage“) hat der „Frequent Flyer“ nur ein Ziel vor Augen: Das Sammeln von Bonusmeilen. Als überzeugter Junggeselle hat er den perfekten Job: Er übernimmt für Firmenchefs die Aufgabe, Mitarbeitern ihre Entlassung mitzuteilen. Wie viele andere Millionen Arbeitnehmer auf dieser globalisierten Welt hat er sich mit seinen Aufgaben arrangiert – schließlich kann er sich nach jedem erledigten Auftrag ins Flugzeug setzen und ein freier Mensch sein – über den Wolken, dort wo die Freiheit wohl grenzenlos ist.

Aber halt, das Drehbuch hat noch etwas anderes mit Ryan Bingham vor: Kurz vor den heiß ersehnten 10 Millionen Flugmeilen, wird dem smarten Vielflieger die junge Natalie Keener (Anna Kendrick) vor die Nase gesetzt. Mit einem neuen Konzept will die Summa-cum-laude-Absolventin aus Kostengründen Mitarbeiter und auch Bingham zu mehr Bodenhaftung zwingen. Wenig später an der Seite von Bingham, an der sie die Vorteile aber auch die Nachteile der fliegenden Freiheit am eigene Leibe erfährt, gelingt es der unerfahrenen Neu-Managerin jedoch nicht, den Vielflieger auf den Boden der Tatsachen zu zwingen, nicht im Beruflichen und auch nicht im Privaten.

Für diese Aufgabe hatte Drehbuchautor und Regisseur Jason Reitman (`Juno`) zuvor eine moderne Mischung aus Alekto und Nemesis – eine moderne Rachegöttin in Form eines weiblichen Pendants zum unsteten Geschäftsmann ins Spiel gebracht, die erfolgreiche Alex (überragend verkörpert durch die für diese Rolle mit dem Golden Globe nominierte Vera Farmiga). Sie ist vom aparten Bonusmeilen-Sammler zunächst so angetan, dass sie ihn zur Hochzeit seiner kleinbürgerlichen Schwester nach Wisconsin begleitet. Doch auch sie wird es nicht schaffen, den Überflieger an den Herd zu locken, denn, so viel darf man verraten, [Achtung Spoiler ———– ]sie hat längst ihren Platz am Herd einer Familie gefunden – und bis dato die Freiheiten einer Businessfrau genossen – die Rache einer modernen Rachegöttin. [——— Spoiler Ende]

Und die Moral von der Geschicht´? Zum Glück sind die Drehbuchautoren Sheldon Turner und Jason Reitman klug genug, dass sie ihre Schachfigur des modernen Kapitalismus nicht auf den Boden zurückholen oder gar in den Abgrund stürzen lassen. Ihre Kritik am System, getarnt als luftige Screwball-Comedy, ist viel zu leicht, als dass für den Zuschauer etwas Verstörendes zurückbleiben dürfe. Da hatten andere Regisseure in den zurückliegenden Jahren wesentlich mehr Mut bewiesen. Und wie alle großen Figuren in einem Zeitspiegelbild (Nicholas Cage in „Familiy Man“, Bruce Willis in „The Kid“ oder Tom Hanks in „Terminal“) darf natürlich auch George Clooney am Ende selbst entscheiden, wie es für ihn weitergeht.



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INHALT

Ryan Bingham ist Vielflieger. Als Mitarbeiter einer Firma, die besondere Dienstleistungen für Personalabteilungen großer Firmen anbietet, bleibt ihm nichts anderes übrig. Doch der smarte Mitvierziger liebt seinen Job. Und er mag sein Leben im Flugzeug. Die 40 Tage im Jahr, die er in seinem schmucklosen Appartment verbringen muss, sind für ihn ein Graus. Er hat sein Leben in der Luft und in den zahlreichen Hotelsuiten längst perfekt eingerichtet. Erst als die junge Natalie als große Nachwuchshoffnung der Firma vorgestellt wird, sieht er sein perfekt eingerichtetes Leben bedroht. Sie unterbreitet ihrem Chef den Vorschlag, dass sich viel Geld einsparen lassen könnte, wenn statt des Vis-a-Vis-Gesprächs Webcams die Aufgaben der Mitarbeiter übernehmen würden. Ryan ist entsetzt: das würde das Ende seiner Vielfliegerei bedeuten, und er ist so nah an seinem Ziel, 10.000.000 Flugmeilen zu sammeln und einer von nur sechs Menschen auf der Welt zu werden, denen dies gelungen ist. Er nimmt Natalie mit auf seinen Trip, um ihr zu zeigen, dass bei einer Entlassung eines Mitarbeiters in einer Firma zumindest das Gespräch unter vier Augen und eine gespielte Anteilnahme zwingend erforderlich sind.
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Eure Kritiken zu Up in the Air

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