KRITIK

Unter Dir die Stadt

Unter Dir die Stadt Als Dieter Wedel vor Jahresfrist in 2010 seinen TV-Zweiteiler „Gier“ vorstellte, war die Enttäuschung groß angesichts des Kasperletheaters, mit dem er in allzu groben Strichen die Finanzwelt karikierte und stets in einem Zustand der Hysterie durch seine Hochstaplerfarce hechelte. Ganz anders der Ansatz von Christoph Hochhäusler: „Unter dir die Stadt“ ist kühl, glatt und distanziert, ebenso erratisch wie seine Figuren und Beziehungen.

Es liegt eine bestechende Zweckmäßigkeit und Kausalität in den Handlungen der Protagonisten wie Roland Cordes und Oliver Steve, nicht allein in den Alltagsdingen, sondern auch im großen Lebensplan. Hier die Verbindung mit dem alteingesessenen Geldadel, dort der Aufsteiger mit dem starren Blick nach oben. Und mittendrin Olivers Ehefrau Svenja, die trotzdem niemandem zugehört, sondern sich treiben lässt, die oszilliert und fasziniert. Nicolette Krebitz spielt sie als Frau mit einem Geheimnis, dem man sich, je näher man ihr kommt, nur immer weiter entfernt. Bis sie, in einer Szene ganz sinnbildlich, im Dunkel verschwindet.

Möglicherweise ist es zunächst allein der Jagdinstinkt, der Cordes` Interesse an ihr weckt, endlich eine Herausforderung, die der Beruf – einmal oben angekommen – kaum noch bietet. Er hat alles gesehen, alles erlebt, Krisen durchstanden, Schutzwälle errichtet. Aber mit der faszinierenden Svenja bröckelt die Festung der Selbstsicherheit und Kontrolle. Das Irrationale hält Einzug in sein wohlgeordnetes, auf hohem Niveau langweiliges Leben.

All seine Macht, die er nur scheinbar besitzt, hat klare Grenzen. Dennoch überscheitet er sie und liefert sich etwas aus, das er nicht einmal benennen kann. Ob es Liebe ist oder schlicht körperliches Begehren, vermögen beide nicht zu sagen. Es ist zu fragil, egal wie stark, und es wird Verluste geben, soviel zumindest ist beiden von Beginn an klar.

Regisseur Christoph Hochhäusler und Kameramann Bernhard Keller übersetzen die Gefühlswelt der Protagonisten in gleichsam klar durchdachte wie unergründliche Bilder. Und mit kühler Brillanz sezieren sie die Abgründe der Leidenschaften, die ebenso tief sind wie die Hochhausschluchten der Stadt. Sehenswert.



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INHALT

Die flüchtige Begegnung eines Mannes und einer Frau auf einer Vernissage, ein Augenblick schwirrender Intensität, gerade lang genug, um sich zu erinnern. Tage später führt sie der Zufall wieder zusammen, Roland Cordes, den Manager einer Großbank, und Svenja, die Frau eines seiner Angestellten. Svenja geht auf das Spiel der unerklärlichen Faszination zwischen ihnen ein, aber lässt es nicht zur Affäre kommen. Gewohnt, die Welt nach seinem Willen zu formen, schafft sich Cordes freie Bahn und befördert Svenjas Mann auf einen hoch dotierten Risikoposten in Indonesien. Ahnungslos beginnt Svenja, ihren Widerstand gegen die Hartnäckigkeit ihres undurchdringlichen Verehrers aufzugeben.
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