KRITIK

Unser America

Unser America
Kristina Konrad, geboren in der Schweiz, Studium der Geschichte in Genf und Paris, verbringt 11 Jahre in Lateinamerika. Zwei davon in Nicaragua, in dem Land, das für ihre Generation ihr Vietnam war, wie sie heute sagt. Damals hat sie auch gekämpft. Mit der Kamera und gegen die Contras. Aus dem Material hat die Schweizerin bewegende Zeitdokumente geformt, die heute nichts von ihrer „gelebte-Geschichte“-Einzigartigkeit verloren haben.

Nach 25 Jahren kehrt sie zurück. Ansporn ihrer Reise ist auch ein altes Photo, das zwei sandinistische Kämpferinnen zeigt. In langen Einstellungen spiegelt sich das Photo in der Windschutzscheibe ihres Autos und wird so zum metaphorischen Wegweiser, eine schöne Idee und gelungene Einstellung.
Sie trifft die beiden Kämpferinnen wieder. Nach den freien Wahlen von 1990 und dem Ende des brutalen Bürgerkriegs haben sich die einstigen Soldatinnen mit den Verhältnissen arrangiert. Eine wurde Armenanwältin, die andere arbeitet als Verkäuferin für eine Kosmetikfirma. Auch wenn heute ihre eigene wirtschaftliche Lage und die ihrer Familie ihre größte Sorge ist, halten sie an ihren revolutionären Idealen fest – was keinen Widerspruch zum traditionellen katholischen Volksglauben bildet. Die Lage ist alles andere als rosig in Managua, der Stadt, die Zentrum der sandinistischen Revolutionszüge war.

Im besten Hotel der Hauptstadt trifft sich die Autorin mit dem Bürgermeister von Managua. Er ist bekennender Sandinist und hat versucht, sich mit „seinem“ Vergnügungspark „Hertylandia“, das er der Kamera von Kameramann Filip Zumbrunn stolz präsentiert, ein Denkmal zu setzen. Wortreich aus dem Off beschwört Kristina Konrad immer wieder die Vergangenheit und lässt an der „neoliberalen“ Gegenwart kein gutes Haar. So kommt auch ein Kellner zu Wort, der seit dreißig Jahren in dem Luxushotel beschäftigt ist und immer noch der alten Zeiten unter Diktator Somoza nachtrauert. Zudem lässt sich die Filmemacherin die Stelle zeigen, wo ein anderer Schweizer Brigadist von Contras zu Tode gefoltert wurde.

Doch immer wieder wird die Zustandsbeschreibung durch spröde Schwarzweißfilmfetzen unterbrochen, die die glühende Rhetorik der Massenkundgebungen von einst kraftvoll beschreiben. Kristina Konrad, die Europäerin, die sich solche Romantik leisten kann, betrauert beredt und zornig den Verlust eines Traums. „Die einzige Chance der Menschheit liegt in einem Revolutionär-Werden“, zitiert sie den französischen Philosophen Deleuze. Gerade in diesen Momenten bewegt der Film sehr. Er zeigt, dass der Glaube an festen Idealen allen Unwägbarkeiten trotzen kann, er macht Mut, er bewegt und rüttelt auf. Kristina Konrads Film ist wie eine gut abgestimmte Zündkerze, wenn man denn überhaupt einen Vergleich dafür finden kann. Er arbeitet zurückhaltend ohne groß aufzufallen, hat stets die richtigen „Mittel“ zur Hand, spielt sich nicht in den Vordergrund und ist dennoch bewegend und Mut machend zugleich. Kristina Konrad schreibt: „Vielleicht ist der Film auch ein Versuch – einem Moment Geschichte zu geben.“ Er ist mehr als das. Ein bewegendes Stück Kino. Absolut sehenswert!



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INHALT

Eine filmische Annäherung einer Europäerin an ein kleines lateinamerikanisches Land, das sich Ende der 70er Jahre von einer 45-jährigen Diktatur befreite, das Unmögliche versuchte und vom grossen Nachbarn USA unerbittlich bekämpft wurde.

25 Jahre nach dieser Revolution kehrt Filmemacherin Kristina Konrad in das Land zurück, in dem sie zwei Jahre als internationale Brigadistin kämpfte und viele Freunde fand. Sie hatte Angst vor dem neuen Nicaragua. Doch auf ihrer Reise zurück in das neue Land trifft sie auch auf die beiden sandinistischen Kämpferinnen aus der Frauenbrigade, die heute immer noch an ihren alten Idealen festhalten.
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