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unerwartete Glück der Familie Payan, Das

Bild (c) Wild Bunch Filmverleih.

Ob neurotisch-hypochondrische Pariserin („Lolo – Drei ist einer zu viel“) alleinerziehende Putzfrau („Mein Stück vom Kuchen“) oder gehörlose Mutter bzw. Landwirtin („Verstehen Sie die Béliers?“), Karin Viard ist seit vielen Jahren die weibliche Allzweckwaffe, wenn es in französischen Komödien um taffe Frauen geht, die als Mutter und/oder Ehefrau an ihren Aufgaben über sich hinauswwachsen (müssen). So auch im Spielfilmdebüt der jungen Nadège Loiseau. Als zweifache Mutter darf/muss sich Miss Viard in der Geschichte von Mazarine Pingeot jedoch nicht nur um ihren arbeitslosen Ehemann sondern auch noch um ihre gehbehinderte Mamilette kümmern. Nicht zu vergessen ihre vernachlässigte Enkeltochter. Keine leichte Aufgabe für eine Frau Ende 40, die von ihrem Frauenarzt eines Tages die Diagnose erhält: schwanger!

Ich wusste gar nicht, dass ihr es noch miteinander tut“ kommentiert die fast 80-jährige Mamilette Payan (Hélène Vincent) die mehr oder weniger freudige Nachricht ihrer Tochter kokett. Und natürlich sitzt zu diesem Zeitpunkt ihr Schwiegersohn Jean-Pierre mit am Tisch, dessen Gedanken bereits viel weiter gehen, als über die Tatsache nachzudenken, was diese Nachricht über seine Ehe aussagt. Jean-Pierre Payan, der ehemalige Leistungsturner und jetzige Trainer ist zunächst wenig begeistert ob der freudigen Nachricht. Schließlich hatten alle freudigen Familiennachrichten zuvor einen dicken Strich durch seine Karrierepläne gemacht, angefangen mit der Nachricht zu seiner ersten Vaterschaft im Alter von erst 17 Jahren.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird der ehemalige Turnstar Jean-Pierre von seiner Frau Nicole (Viard) auch gar nicht erst gefragt, ob ein drittes Kind im fortgeschrittenen Alter überhaupt in Frage kommt. Viel zu fest hat seine Frau und Mutter seiner zwei Kinder die Zügel im Vier-Generationen-Haushalt der Payans in der Hand, um neben ihrem Job an der Mautstation und ihren Aufgaben im Haushalt auch noch ihre Geddanken mit ihrer Familie teilen zu können. Defizite, die deutlich zu Tage treten, als Nicole einen Schwächeanfall erleidet und für einige Tage ins Krankenhaus eingeliefert wird.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird deutlich, welche Richtung Regie und Drehbuch im Kopf hatten, wenn sich fortan zahlreiche Szenen aneinanderreihen, die man bestenfalls aus mittelmäßigen Sitcoms zu kennen glaubt. Auf keinen Fall darf da das vernachlässigte Enkelkind fehlen, das natürlich in der KiTa vergessen wird sowie der beinahe-zu-späte Toilettengang der Großmutter, der natürlich mit lauten Flatulenzgeräuschen umrahmt werden muss. Was fehlt, sind nur noch die eingespielten Publikums-Lacher aus dem Off, die jedem Gag den letzten Funken Ernsthaftigkeit austreiben.

Regisseurin Nadège Loiseau ist dennoch in jeder Szene sichtlich bemüht, ihrem Publikum die Ernsthaftigkeit der Lage zu vermitteln, was mit einer Familie geschieht, die die Chancen bzw. die Machbarkeit eines späten Zuwachses auslotet. Doch anstatt die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten genauer unter die Lupe zu nehmen, interessiert sich die junge Regisseurin in erster Linie für den nächsten Witz und die nächste komische Szene.

Allein dem (wieder einmal) großartigem nonchalanten Spiel von Karin Viard, gekonnt zwischen Tragik und Komik changierend, ist es zu verdanken, dass diese Sitcom auf Spielfilmformat nicht vollends aus dem Ruder läuft. Als blonde Matriarchin mit Superkräften wird gleich von der ersten Szene an deutlich, wem das Glück der Familie Payan zuteil wird bzw. werden darf. Unerwartet war es nie, das Glück. Eine Ode an alle Mehrfach-Mütter dieser Welt.

 

 

 

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