KRITIK

Une Jeunesse Allemande – Eine deutsche Jugend

Bild (c) W-Film.

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Über einer Collage aus historischen Bewegtbildern schwebt stets die Gefahr der Suggestion. Warum hat der Filmemacher ausgerechnet diese Bilder ausgewählt? Warum dieses Interview und nicht jenes? Warum hat er/sie diesen Nachrichtenausschnitt genommen und nicht einen anderen? Noch spannender werden die Fragen, wenn es um eine oder um die politische Haltung geht. Vor allem, falls es sich um ein „Ereignis“ gehandelt hat, das weder kosmopolitisch noch virulent war.

Wie war das noch, damals in den späten 60ern und frühen 70ern in Deutschland? In einer Zeit, als der Kapitalismus noch gewalttätige Feinde hatte und die Nachkriegsjugend in Deutschland die Nase voll von Meinungsmache und Obrigkeitsdenken. Und mehr noch, als die Freiheit erkämpft werden musste, notfalls mit Waffengewalt. Ein Kampf, der sich nicht nur durch eine junge Gesellschaftsschicht zog sondern sich auch in vielen Bereichen widerspiegelte, in denen Muster veraltet erschienen. In der Kunsterziehung beispielsweise.

Nicht verwunderlich, wenn dann aus dem benachbarten Ausland Anfang der 70er Jahre Fragen gestellt wurden wie: „Ist es möglich, heutzutage in Deutschland Filme zu machen?“ Ja, es stand wirklich schlecht um den deutschen Film. Während die Kunst in anderen Ländern – aus Frankreich beispielsweise – über Ländergrenzen hinaus Erfolgsgeschichte schrieb, ein Meisterwerk nach dem anderen in die Welt geschickt wurde, stellten deutsche Künstler erst einmal alles und jeden in Frage. Vor allem die Herangehensweise.

Szene_une_jeunesse_allemandeDer Franzose Jean-Gabriel Périot, Jahrgang 1974, wollte mehr wissen. Und dies ist seine Geschichte einer deutschen Radikalisierung, die auch die Geschichte einer Kommunikationsverweigerung ist. Umfangreich, kommentarlos, allein durch die Montage von bereits gefertigten Bildern aus Fernsehnachrichten, Fernsehreportagen, Fernsehdiskussionen und diversen Spiel- und Agitationsfilmen beantwortet er die Frage selbst. Mit großer Bewunderung für die Kämpfer der Außerparlamentarischen Opposition, kurz APO, der Denker der R.A.F., allen voran Ulrike Meinhof, und die zeitkritischen Filmemacher wie Holger Meins. Eine scharfe, sehr unterhaltsame, nie belehrende Kollage naher und ferner Echos.

Ein Kaleidoskop sicherlich nicht nur für Politik-Interessierte oder Zeitzeugen, sondern eine Dokumentation vielleicht auch für den Schulalltag. Ein französischer Blick auf eine schwierige gesellschaftspolitische Zeit. Mit Bildern, die seitdem nie wieder gezeigt wurden. Sehenswert!

 

 

 



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