KRITIK

Una und Ray

Bild (c) Weltkino.

David Harrowers Theaterstück „Blackbird“, zweifach für den Tony Award nominiert, feierte 2005 in Edinburgh Premiere. Elf Jahre später adaptierte der Autor es selbst für´s Kino und erschuf ein heikles Drama, das die sexuelle Nötigung einer Minderjährigen und ihre toxischen Folgen erforscht. Mit Rooney Mara und Ben Mendelsohn fulminant besetzt, scheut Harrower auch im Film – wie bereits im Stück – nicht davor zurück, qualvolle Tiefschläge auszuteilen und das Publikum in die unbequeme Psyche seiner Protagonisten hinein zu versetzen.

Una (Rooney Mara) verbringt ihre Nächte in britischen Nachtclubs und verführt fremde Männer auf der Club-Toilette. Sie lebt mit Ende 20 noch bei ihrer Mutter und in ihrem Kinderzimmer. Ein Teil von ihr ist offensichtlich immer noch im Teenageralter stehen geblieben, während ein anderer versucht, ihrer Jugend zu entfliehen. Auf einem Foto entdeckt sie einen Mann aus ihrer Vergangenheit, sie schnappt sich das Auto ihrer Mutter und steuert eine große Fabrik an. Dort verlangt sie, einen Mann namens Ray (Ben Mendelsohn) zu sprechen. Offensichtlich geschockt führt dieser sie in die Cafeteria, wo er das Gespräch in einem privaten Umfeld fortsetzen möchte.

Der Schock hat einen Grund, denn nur wenig später beleuchten die beiden ihre gemeinsame Geschichte und die Natur ihrer Beziehung: Im vermeintlichen, gegenseitigen Einvernehmen führte 15 Jahre zuvor ein 40-jähriger Ray eine sexuelle Beziehung zur damals 13-jährigen Una. Moralisch mindestens fragwürdig, selbstverständlich absolut illegal, begaben sich die beiden auf eine gemeinsamen Ausflug, der aber genauso eine Entführung hätte sein können – die Grenzen verwischen, und zwar inszenatorisch und erzählerisch – mit Absicht. Das Verhältnis fliegt auf und Ray wird zu 15 Jahren Haft verurteilt. Inzwischen lebt er unter einem anderen Namen, hat einen anderen Job und eine andere Lebensgefährtin. Während sie mit einem Bein bzw. noch viel mehr in der Vergangenheit haften geblieben ist, führt er mittlerweile ein recht ansehnliches Leben.

Regisseur Benedict Andrews und Autor David Harrower machen es ihren Figuren und dem Zuschauer nicht unbedingt leicht: Una kann sich selbst nicht mehr genau an die Spezifitäten der damaligen Ereignisse erinnern. Hat sie tatsächlich willentlich mit Ray geschlafen? Konnte sie in diesem Alter überhaupt in diesem jungen Alter ein solches Einverständnis geben? Hat Ray sie nur ausgenutzt, um sein sexuelles Verlangen zu stillen? Ist er ein Monster? Oder empfindet er bzw. empfindet er tatsächlich so etwas wie Liebe für Una? Und ist das überhaupt von Bedeutung, geschweige denn eine Entschuldigung? Das Drama „Una und Ray“ wirft diese und noch viele weitere unschöne Fragen auf. Harrower denkt nicht einmal daran, konkrete Antworten zu liefern. Vielmehr zwingt das dialogreiche Kammerspiel den Zuschauer, Verständnis für einen sexuellen Straftäter zu empfinden.

Una sucht Ray auf, einerseits um ihn mit der Tat zu konfrontieren, andererseits um sich selbst Klarheit zu verschaffen. Vielleicht möchte sie Rache? Vielleicht möchte sie sogar die Beziehung wieder aufleben lassen? Geschickt hält der Film auch den Zuschauer in dieser konstanten Spannung. Was als nächstes geschieht, vermag niemand so genau vorauszusagen. Regisseur Andrews und Autor Harrower inszenieren diesen Balanceakt, ohne die Tragödie und das Trauma in irgendeiner Form zu trivialisieren. Sie bleiben immer nah am Menschen und an greifbaren sowie realen Emotionen.

Ein nicht unerheblichen Anteil davon lastet auf den Schultern der beiden Hauptdarsteller, die das Geschehen dominieren. Rooney Mara verkörpert glaubhaft eine geschundene und durch innere Aufruhr zerrissene, junge Frau, die zu raschen, vielleicht unberechenbaren, aber immer nachvollziehbaren Entscheidungen neigt.

Verblendung„, „Side-Effects“, „Carol“ … Als Schauspielerin sucht die US-Darstellerin Rooney Mara selten nach „einfachen“ Rollen. Sie wächst stetig an diesen neuen Herausforderungen. Mendelsohn („Star Wars: Rogue One„) hebt sich dagegen scheinbar bewusst von seinem gewohntem Rollenschema des dezidiert schmierigen Fieslings ab. Er wirkt sauber, überkorrekt, fast sympathisch und wie jemand, der seine Fehler bereut. Oder tut er es vielleicht doch nicht? Dem erprobten Charakterdarsteller und dementsprechend seiner Figur traut man beides zu, so nuanciert spiegeln sich Konflikte, Schmerz und Reue, aber auch die Angst, entdeckt zu werden, auf seinem Gesicht wieder.

So interessant, verstörend und gleichzeitig reizvoll der Haupthandlungsstrang auch ist, so zwanghaft und ablenkend wirkt der Subplot, in dem Ray mehrere seiner Mitarbeiter feuern muss. Darüber hinaus richten Ray und seine Ehefrau am Abend der Konfrontation noch eine Gartenparty aus. Solche Zufälle lassen insbesondere im dritten Akt des Dramas einen leider sehr gekünstelten Nachgeschmack zurück, und sind wahrscheinlich auf die Begrenzungen des Theaterstücks zurückzuführen.

Dennoch gelingt es Andrews immer wieder, durch rein filmische Mittel, über solche Grenzen hinauszusehen. Erst assoziativ und dann immer ausführlicher nutzt er Rückblenden, um vergangenes Trauma und gegenwärtiges Leben zusammenzuführen bzw. direkt gegenüberzustellen. Damit weist man hier auf eine bittere Wahrheit: Sexuelle Nötigung hat auf die Opfer eine lebenslange und prägende Wirkung, vor allem wenn es sich um ein noch junges Leben handelt. Währenddessen können Täter zu schnell die Konsequenzen beiseite schieben und mit ihrem Leben fortfahren.

 

Kritikerspiegel Una und Ray



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem monatlichen Kritikerspiegel.

 

 

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