KRITIK

Über uns das All

Filmplakat Ueber uns das AllWann kennt man einen Menschen wirklich? Wann sind seine Geheimnisse keine dunklen Schatten mehr, wann wächst eine Beziehung derart fest und unantastbar zusammen, dass sie nichts und niemand ins Wanken bringen könnte? Martha Sabel glaubt, dieses Glück gefunden zu haben. Die Ehe der jungen Englischlehrerin mit Paul, einem angehenden Mediziner, verläuft augenscheinlich harmonisch und beneidenswert. Seine Doktorarbeit sei zudem ein Meilenstein auf seinem Gebiet, so habe es ihm sein Professor bescheinigt. Die Zukunftsaussichten scheinen dementsprechend rosig, wenn nicht bereits diese gegenwärtige Idylle beinahe schon zu schön ist, um wahr zu sein. Ein Jobangebot aus Marseille ermöglicht den ersehnten Karrieresprung, birgt aber auch die latente Gefahr der Veränderung. Paul fährt voraus, während Martha noch den Umzug und den Übergang in ein neues Leben in Südfrankreich regelt.

Bis wenig später zwei Polizisten vor ihrer Tür stehen und die Nachricht von Pauls Selbstmord alles einstürzen lässt, was Marthas Leben bislang zusammenhielt. Die Doktorarbeit – ein Plagiat; sein Professor – hat ihn nie zuvor gesehen; sein gesamtes Leben – eine einzige Lüge. Marthas Universum stürzt krachend zusammen, doch es begräbt sie keineswegs unter sich, und „Über uns das All“ ist weder ein Film der Trauerarbeit, noch begnügt er sich mit einer – wenngleich auch durchaus spannenden – Spurensuche in das unbekannte Doppelleben Pauls. Sein Verschwinden, das sich nur sehr langsam als ein endgültiges in Marthas Vorstellung festsetzt, ist lediglich der Ausgangspunkt für einen Film, der sich einer klaren Genreeinordung entzieht und mit seinen unerwarteten Wendungen weitaus mehr erschafft als das kleine, faszinierende Mysterium, das er zunächst vorzugeben scheint.

Szene aus dem Film Über uns das AllNach der ersten Phase der Weigerung, Pauls Tod zu realisieren und zu akzeptieren, trifft Martha bei der Suche nach Anhaltspunkten für das wahre Leben ihres Mannes auf den Geschichtsdozenten Alexander. Die Aussicht einer neuen Beziehung offenbart sich, einem ballastfreien Leben ohne ihre Vergangenheit möglicherweise, schließlich erzählt sie Alexander nichts von ihrer traumatischen Erfahrung. Als jedoch ein anonymer Finder sie von Pauls Handy aus anruft, drängen sich die mühsam verbannten Erinnerungen wieder mit voller Wucht in Marthas Leben. Und dann erhält Alexander auch noch ein Jobangebot in Marseille…

„Aus dem Reich der Toten“ lautete seinerzeit der Untertitel von Hitchcocks „Vertigo“, und auch wenn es vermessen scheint, Jan Schomburgs Debütfilm in einem Atemzug mit Alfred Hitchcocks unbestrittenem Meisterwerk zu nennen, birgt „Über uns das All“ durchaus einige Momente, deren gedankliche Größe und Abgründigkeit ihn in die Umlaufbahn dieses Klassikers katapultieren – nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Lesarten, die der Film obendrein offeriert. Und um die Hitchcock-Analogie noch ein wenig weiter zu strapazieren, wäre „Über uns das All“ schier undenkbar ohne seine über alle Maßen faszinierende, blonde Hauptdarstellerin Sandra Hüller, die die Leinwand mit ihrer Präsenz, mit ihren Blicken und mit den kleinsten Gesten auszufüllen versteht wie kaum eine andere Schauspielerin im deutschen Gegenwartskino. Ihr Spiel erschafft eine Figur jenseits aller Klischees, der der Boden unter den Füßen weggerissen wird und die sich dennoch behauptet – auch wenn es bedeutet, die Realität ein Stück weit zu leugnen – und sich einem Neuanfang stellt, wie schmerzhaft er auch sein mag.

In der kompakten Komposition von „Über uns das All“ ist jedes Bild von elementarer Bedeutung, jede Nuance eines Stimmungsumschwungs präzise platziert. Der Perspektivwechsel in der Mitte des Films erweitert den anfänglich klassischen Suspense-Thriller um eine psychologische Dimension und auch Tiefe, die für ein Erstlingswerk weit mehr als nur beachtlich ist. Nicht allein unter den zahlreichen sehr sehenswerten deutschen Filmen der diesjährigen Berlinale, wo er in der Sektion Panorama fast ein wenig versteckt schien, ragt „Über uns das All“ heraus, auch im gesamten Kinojahr ist das Debüt von Jan Schomburg einer der bemerkenswertesten wie auch vielversprechendsten Beiträge überhaupt. Der Film startet am 15. September 2011 in den deutschen Kinos.



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INHALT

Martha und Paul leben in einer glücklichen, vertrauensvollen Beziehung miteinander. Sie teilen ein schönes Zuhause, ihren Freundeskreis und ihren Humor. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Nach seinem Abschluss als Mediziner bekommt Paul die Chance, nach Marseille zu gehen. Martha möchte mit ihm ziehen und kann als Lehrerin an einer internationalen Schule arbeiten. Paul fährt mit dem Auto vor und Martha übernimmt die letzten Aufräumarbeiten in der Wohnung. Aber dann stehen plötzlich zwei Polizistinnen vor der Tür, und alles ist anders. Marthas Welt bricht zusammen. Der Mann, mit dem Martha jahrelang gelebt hat: ein Phantom. In Marthas Leben ist nichts mehr, wie es war, und war nichts, wie es zu sein schien. Wer war Paul eigentlich? Kannte sie ihn wirklich? Martha kann nicht begreifen, dass sie plötzlich alleine da steht. Irgendwann begegnet sie Alexander. Eine kleine Geste reicht aus, um den verlorenen Paul in Alexander zu entdecken. Sie stürzt sich in eine neue Beziehung mit ihm und ihr Leben scheint sich zu wiederholen. Kann Alexander Paul ersetzen? Martha sucht ihren ganz eigenen Weg mit Pauls Verschwinden und ihrer Krise umzugehen.
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Eure Kritiken zu Über uns das All

  1. tine

    endlich gesehen, vor 2 tagen, immer noch viele bilder im kopf, sehr sehr grosser kleiner film.

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