KRITIK

Tür, Die

Tür, Die 1989 sorgte ein neues literarisches Talent weltweit für Furore: Mit dem aus der Perspektive einer Katze erzählten Detektivroman „Felidae“ gelang Akif Pirinçci ein Welterfolg. Doch die Talente des Autors beschränkten sich nicht auf tierische Protagonisten. Immer wieder schuf der deutsch-türkische Schriftsteller auch Mystery-Thriller, die mit hoch originellen Handlungskonstellationen auf sich aufmerksam machten. Das gilt ganz besonders für den 2001 erschienenen Roman „Die Damalstür“, der die Grundlage zu diesem Film lieferte.

Mit dieser Geschichte über einen erfolgreichen Maler und seiner Chance, ein Unglück ungeschehen machen zu können, in dem er durch eine Tür schreitet, greift Pirincci ein literarisches Motiv auf, das nicht neu ist und vor allem im sog. Genrekino immer wieder gerne aufgegriffen wird: der Schritt durch rätselhafte Pforten, Türen, Spiegel, Schränke oder sonstige magische Portale. Hinter diesen Portalen warten auf den Protagonisten meist bessere, saubere Welten oder auch andere Zeiten, Paralleluniversen, in denen er oder sie sich wieder neu beweisen kann oder beweisen muss. Oder in denen Dinge ungeschehen gemacht werden können.

Vor dieser Vielzahl an ähnlichen Sujets kommt man um einen Vergleich mit ähnlichen Filmen nicht herum. So weist auch Anno Sauls Mystery-Drama zahlreiche Parallelen zu Filmen wie beispielsweise Nicolas Roegs dystopischem Meistwerk „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ auf, genauso wie zu Peter Weir´s „The Truman Show“. Nur in zwei Punkten unterscheidet sich „Die Tür“ von seinen „Vorbildern“: Die Parallelwelt, die sich dem Hauptdarsteller nach einem gescheiterten Selbstmordversuch eröffnet, ist auf den ersten Blick eine perfekte Replikation der gewohnten, „alten“ Welt. Hier, eingefangen im Lichte der Spätsommersonne, in atmosphärisch beeindruckende Bilder von Kamerafrau Bella Halben („Im Winter ein Jahr“), nimmt das nachbarschaftliche Leben augenscheinlich seinen gewöhnlichen Verlauf.

Zudem wird weiteres Konfliktpotential gestreut, indem mehr und mehr Doppelgänger aus der Zukunft eine zweite Chance in dieser neuen Welt suchen. Nur bleibt diese Welt, in der sich fast der gesamte Film ereignet, so hermetisch getrennt von einem städtischen Raum, von Lärm, Verwirrung, Unbestimmtheit, kurz, von einem Leben hinter der Straßenecke, dass das Glück des Hauptdarstellers immer mehr zu einer Gefangenschaft wird.

Hauptdarsteller Mads Mikkelsen gelingt diese Tour de Force, weil er von vornherein die Trauer, diese Verletzlichkeit, die die Romanfigur auszeichnet, durch seinen Gesichtsausdruck bereits mitbringt. Ihm nimmt man die Rolle des erfolgreichen, egoistischen Malers und Vaters, der seine Erziehungspflichten missachtet, um mit der Nachbarin (Heike Makatsch) ein mittägliches Schäferstündchen abzuhalten, stets ab. Auch Jessica Schwarz überzeugt in ihren wenigen Szenen als gekränkte Ehefrau und Mutter, weil sie dir richtige Dosis für ihr (Trauer)Spiel findet.

Doch neben den zahlreichen (in einer solchen Genre-Konstruktion fast zwangsläufig vorhandenen) Logikbrüchen zerrt vor allem der Tempoabfall im letzten Drittel des Films am Geduldsfaden des Zuschauers. Während die Darsteller bemüht sind, ihre neue Parallelwelt vor allen Widrig- und Ungereimtheiten zu beschützen, unternehmen Schnitt und Regie alles erdenklich Mögliche, damit das Mysteriöse in der Stimmung und in den Bildern nicht verloren geht. Um diese dichte Atmosphäre zu halten, wird beispielsweise ein überstarker Musikeinsatz zur Hilfe genommen. Das überstarke Psycho-Thriller-Crescendo greift immer wieder gestaltend ins Geschehen ein, drückt und bäumt sich auf, um auch ja sicher zu stellen, dass der Zuschauer ja etwas seltsam findet.

Trotz seiner starken Bilder und anfänglich bestens aufgebauten Spannung, erweist sich „Die Tür“ nur in den ersten beiden Dritteln als dichter Mystery-Psycho-Thriller, der vor allem von einem präzise kalkulierten Umgang mit Licht und Farben und einem etwas blassen jedoch stets bemühten Hauptdarsteller lebt.



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INHALT

David Andernach ist auf der Höhe seines Erfolgs als Maler, als ein tragisches Unglück von einer Sekunde auf die andere alles verändert. Während er seiner schönen Nachbarin, mit der er eine Affäre hat, einen Besuch abstattet, ertrinkt sein Töchterchen Leonie im Pool seines Hauses. Von Schuldgefühlen gepeinigt, bekommt David sein Leben nicht mehr in den Griff, zumal seine Frau Maja ihm nicht verzeihen kann. David, völlig am Ende, will sich umbringen, als er unerwartet eine verborgene Tür in die Vergangenheit entdeckt. Durch sie gelangt er zurück zu dem alles entscheidenden Augenblick und erhält so die Möglichkeit, seine Tochter zu retten. Doch die Glück verheißende Chance auf einen Neuanfang entpuppt sich bald als wahres Schreckensszenario, denn die Vergangenheit birgt dunkle, verhängnisvolle Geheimnisse.
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