KRITIK

Tulpan

Tulpan Ein Spielfilm aus Kasachstan. Um zu zeigen, wie entfernt von der (Pop-)Moderne das Personal dieses angenehm unaufgeregten Steppendramas lebt, verwendet Ex-Dokumentarfilmer Sergei Dvortsevoy in seinem Spielfilmdebüt lediglich einen Song: „Rivers of Babylon“ von Boney M, aufgenommen 1978, gilt dem besten Kumpel der Hauptfigur Asa als Inbegriff der weiten Welt, wenn er mit seinem Traktor durch den Sand Kasachstans brettert.

Asa selbst aber, gerade aus dem Marinedienst für den autokratischen Präsidenten Nasarbajew entlassen, will nicht in die Welt hinaus. Ihm würde eine Komfort-Jurte mit Solardach und Satellitenfernsehen reichen – doch dafür braucht er eine Schafsherde, und die bekommt er nicht ohne eine Frau, und woher soll er die bloß nehmen?

Die einzige Kandidatin heißt Tulpan, doch obwohl der Film nach ihr benannt wurde, bekommt man das Mädchen nie zu Gesicht. Offiziell lehnt sie Asa wegen seiner Segelohren ab, doch eigentlich will sie bald verschwinden in die Stadt, in ein steppenfremdes Dasein. Asas Schafspläne können da nicht mithalten.

Die in kuriosen Versteckspielen inszenierte Liebesgeschichte ist nur das Gerüst für ein quasi-dokumentarisches Porträt einer denkbar entlegenen Weltregion. Die inszenierte Authentizität, die Dvortsevoy hier schafft, erinnert deshalb an Robert J. Flahertys Stummfilmklassiker „Nanuk der Eskimo“, die Urmutter des Semidokumentarismus. Wie in diesem Klassiker mischt Dvortsevoy schlitzohrigen Humor mit genauer Beschreibung der natürlichen Widrigkeiten in einer lebensfeindlichen (und gleichzeitig majestätisch schönen) Region: Boney M plus Sandsturm plus dramatische Schafsgeburt. Ein kurioser Mix, der hier bestens funktioniert.

Absolut klasse ist die agile, beherrschte Handkamera (35 mm, nicht Video), die den Schwenk als strukturierendes Stilmittel grandios wiederbelebt, anstatt bloß statisches Montagematerial abzuliefern. Sehenswert.



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INHALT

Der Matrose Asa kehrt zurück in die kasachische Steppe, wo seine Schwester Samal und sein Schwager Ondas ihre Kinder großziehen und Schafe züchten. Asa sucht eine Frau, doch in der Steppe gibt es nur noch ein heiratsfähiges Mädchen: Tulpan. Die weist Asas Ansinnen zurück. Asa ist enttäuscht. Ohne eine Heirat bekommt er keine Herde, und ohne Herde wird sich sein Lebenstraum von einer Jurte mit Strom und eigenem Wassertank nie erfüllen.
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