KRITIK

Tsotsi

Tsotsi Man notiere: Favela-Geschichten werden gerne mit Preisen ausgezeichnet: Was mit dem brasilianischen Kinderdrama „City of God“ vor drei Jahren so gut funktionierte und Regisseur Fernando Meireilles einen „nicht-englischsprachigen“ (wie es so schön heißt) Oscar bescherte, ließ sich in diesem Jahr mit der südafrikanischen Variante „Tsotsi“ prompt wiederholen, nur eben verlagert nach Südafrika, wo die Favela Township heißt. Jetzt kommt das angekündigte Meisterwerk auch hier ins Kino, und man reibt sich leicht verwundert die Augen: Was daran so preiswürdig sein soll, will sich nicht so recht erschließen. Gewiss, das ist kein schlechter Film, aber so doll ist das Ganze nun auch wieder nicht.

Zunächst einmal ist „Tsotsi“ rein formal um Äonen konventioneller als „City of God“. Am Anfang freut man sich noch über aufregende Kamerafahrten, Plansequenzen und Tiefenschärfeverlagerungen, aber das war’s dann schon – der Rest des Films bietet stimmungsvolle Farben, mehr aber auch nicht. Und inhaltlich ist „Tsotsi“ spätestens ab der Halbzeit eine Enttäuschung: Regisseur Gavin Hood biedert sich dramentechnisch geradezu an Hollywood-Standards an, was in einer schauerlich pathetischen Schlussszene gipfelt, die kurz vor Toresschluss noch viel von dem zerstört, was sich vorher gut anließ.

Am Anfang geht „Tsotsi“ tatsächlich unter die Haut. Da wird die Welt der 19-jährigen Titelfigur vorgestellt, eine brutale, chaotische Welt in Soweto, den gigantischen South Western Townships vor den Toren von Johannesburg. Mit schonungsloser Härte etabliert der Film, der auf einem Roman von Athol Fugard basiert, eine geradezu abstoßende, moralisch offensichtlich völlig verkommene Person: Tsotsi heißt sie, was „Gangster“ bedeutet. Und ein Gangster ist er auch, ein Mörder sogar, denn bei seinen Raubzügen schreckt er auch vor der Liquidierung seiner Opfer nicht zurück. In seiner Gang, einem Haufen junger Glücksspieler und Kleinganoven im Umfeld eines zynischen Autodealers, ist er der King, gemeinsam zockt man mit Vorliebe die Reichen in den Stadtrandvillen ab.

Eines Tages knallt Tsotsi eine Frau über den Haufen, klaut ihren BMW und muss draußen in der Wüste feststellen, dass sich auf dem Rücksitz ein Baby befindet. Unter der rauen Schale des harten Mannes regen sich Verantwortungsgefühle, er packt das Neugeborene in eine Tüte, versteckt es in seiner Wellblechhütte und lässt es später sogar regelmäßig von seiner schönen, passenderweise jung verwitweten Nachbarin (Terry Pheto) stillen (Zeit für einige kurze Weisheiten über Leben, Kunst und Tod). In dieser Phase des Films wird der zuvor so treibenede Kwaito-Soundtrack immer mehr von säuselndem Streichersound verdrängt. Auf dem Weg zur inneren Reinigung muss Tsotsi fortan den unerbittlichen Parcours des herkömmlichen Hollywood-Melodrams abschreiten. Denn natürlich muss das Baby zurück zur Mama und Tsotsi sein Opfer bringen.

Zum Glück ist Presley Chweneyagae in der Titelrolle eine ziemlich grandiose Wucht, sonst gäbe es nicht allzu viel, was man an diesem Film bejubeln sollte. Wie der Laien-Mime die emotionalen Register zwischen knallhartem Gangsta und verletztem Kind zieht, ist höchst professionell und in vielen Momenten tatsächlich ungemein berührend. Die Szene zwischen ihm und einem alten Bettler im Rollstuhl ist die dichteste und auch vielsagendste des ganzen Films. Leider aber hält „Tsotsi“ nicht den Drive und die Intensität der ersten Szenen durch. Doch, wie die Oscars gezeigt haben, kann man mit sentimentalen Läuterungsgeschichten immer noch die meisten Juries beeindrucken.



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INHALT

In einem Ghetto am Rand von Johannesburg lebt der 19-jährige Tsotsi in den Tag hinein. Der Anführer einer kleinen Gangsterbande ist der coole und für seine Brutalität gefürchtete Held des Viertels. Eines Abends sieht er sich drastisch mit den Folgen seiner Gewalttätigkeit konfrontiert: In einem noblen Vorort schießt er auf eine Frau, stiehlt deren Auto und flüchtet mit Höchstgeschwindigkeit, als er plötzlich auf dem Rücksitz ein neugeborenes Baby bemerkt.
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Eure Kritiken zu Tsotsi

  1. UDO

    In einer Kultursendung im Fernsehen wurden die Einwohner des Gebietes in Südafrika, um das es hier geht, zum Film befragt. Die wenigsten konnten sich einen Kinobesuch leisten, hatten den Film aber auf einem Gemeinschaftsfernseher gesehen. Die Befragten äußerten Unmut über das Gesehene, die Handlungen seien unrealistisch, der Protagonist hätte eine falsche Aussprache und vieles mehr. Trotz der `einheimischen` Kritik, war ich vom Film begeistert und möchte ihn deshalb weiterempfehlen. Wer „City og God“ mochte, wird den Film lieben.

  2. programmkino

    abseits von M:I:3 und ahnlichen filmen erfreut es das anspruchsvolle kinoherz, wenn man so einen intensiven film vor die geschulten augen bekommt. „city of god hat schon gezeigt, dass sich der blick über den tellerand lohnt. hier lohnt er wieder, mit spannender unterhaltung. sollte der freund anspruchsvoller filme nicht verpassen.

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