KRITIK

Tschick

Bild (c) 2016 Studiocanal Filmverleih.

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25 Jahre habe er am Existenzminimum herumgekrebst, schrieb der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf 2011 in sein Tagebuch „Arbeit und Struktur“: „Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“ Als sein Roman-Durchbruch erschien, hatte Herrndorf seine schlimme Krebsdiagnose gerade erhalten. Als sich der Autor 2013 erschoss, war sein Roman „Tschick“ längst Bestseller, Schullektüre, Theaterstück, Hörspiel, Opern-Libretto.

Es ist immer ein Wagnis, Erfolgsromane für die Leinwand zu adaptieren, die jeder Leser als Kopfkino mit sich herumträgt. Andererseits schien der auf Mark Twains Spuren dahinkurvende Ausreißer-Plot prädestiniert für eine Filmversion – und Fatih Akin („Soul Kitchen„) dürfte mit seiner schnoddrigen hanseatischen Art genau der richtige Regisseur für einen möglichst unverkrampften Medientransfer sein. Trotz aller Kürzungen hält sich das Ergebnis eng an die Vorlage, teils bis in den genauen Wortlaut der Dialoge hinein. Das funktioniert bestens, weil die beiden hervorragenden Hauptdarsteller dabei keine falschen Töne zulassen.

"tschick", 2015 Lago Film GmbHTristan Göbel („Westen“) überzeugt als Maik, 14-jähriger Klassen-Außenseiter, gestraft mit saufender Mutter und gestrengem Vater. Debütant Anand Batbileg, Sohn des mongolischen Kulturattachés, begeistert mit Frische und Unbekümmertheit in der Titelrolle des Tschick: ein nonkonformer Spätaussiedlersohn, der vor nichts und niemandem Respekt hat und Maik eines Sommertags mit einem, nun ja, „geliehenen“ hellblauen Lada ins Abenteuer abholt. Ohne Führer- oder gar Fahrzeugschein, versteht sich.

Szene_Tschick_002Das Roadmovie behält die episodische Struktur des Romans bei, führt über die Straßen Brandenburgs, vorbei an blauen Seen und gelben Rapsfeldern, trifft mit den beiden Berliner Jungs skurrile Öko-Familien, nervige Polizisten und natürlich Isa, das Mädchen von der Müllhalde, lässt die Vorbilder ungezwungen durchscheinen (Twain, Salinger, „Stand By Me“, Hark Bohms „Nordsee ist Mordsee“) und als Running Gag die „Ballade pour Adeline“ des Klavierschmalzisten Richard Clayderman klimpern: Es ist eben die einzige Kassette im Lada.

Filmisch geht Akin hier keine neuen Wege, dennoch gelang ihm ohne Anbiederung eine breitenwirksame Verfilmung, die den Herrndorf-Sound aus jugendlichem Aufbruchsgeist und lauernder Melancholie bemerkenswert genau trifft.

 

 

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INHALT

Während die Mutter in der Entzugsklinik und der Vater mit seiner Assistentin auf "Geschäftsreise" ist, verbringt der 14-jährige Außenseiter Maik Klingenberg die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus dem tiefsten Russland, kommt aus einem der Hochhäuser in Berlin-Marzahn – und hat einen geklauten Lada dabei. Damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende ostdeutsche Provinz. Die Geschichte eines Sommers, den wir alle einmal erleben... Der beste Sommer von allen! (Text: Studiocanal Filmverleih)
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