KRITIK

True Grit

True Grit „True Grit“ (echter Schneid mit einer Portion tollkühnem Übermut), kaum ein anderer Begriff spiegelt den American Dream und den „Last Frontier“-Gedanken derart wider: die Vorstellung, dass es so etwas wie eine letzte Grenze nicht gibt und gewissermaßen alles, was man sich in den Kopf setzt und beharrlich verfolgt, realisierbar ist. In den USA, sozusagen dem Mutterland des Pioniergeistes, ist dieser Begriff längst zu einem geflügelten Wort avanciert, welches gleichfalls der Titel des berühmtesten Romans von Charles Portis ist, der nach 1969 nun zum zweiten Mal als Filmadaption in die Kinos kommt.

Es ist die Zeit etwa zehn Jahre nach dem Sezessionskrieg (Amerikanischer Bürgerkrieg). Das Land befindet sich in den ersten Phasen einer Modernisierung. Der Widerstand der American Natives (Indianer) ist fast erloschen, nur noch wenige große Stämme leisten organisierten Widerstand. Es sind die vorletzten Tage der großen Wild-West-Legenden; Heroen, die man zuweilen von Halunken kaum unterscheiden konnte. In diesem weiten Land ist es eine schwierige Sache mit dem Recht: Zu viele schießwütige Ganoven und zu wenig Männer des Gesetzes. Flüchtigen setzen US-Marshalls nach; ein wilder Haufen von Kriegsveteranen und Abenteurern, die mehr Kopfgeldjäger als Polizisten sind. Unter diesen ist der einäugige Rooster Gogburn einer der berüchtigsten. Ein alternder misanthropischer Bluthund, der erst schießt und dann Fragen stellt.

An eben jenen wendet sich die 14-jährige Mattie Ross in ihrer Verzweiflung. Sie will Gerechtigkeit wegen des Mordes an ihrem Vater. Der Mörder heißt Tom Chaney. Er ist unerreichbar für die Justiz ins Indianer-Territorium geflohen. Also bietet Mattie eine Belohnung, wenn Gogburn Chaney für sie festnimmt und der Gerichtsbarkeit übergibt. Leider entpuppt sich Gogburn nicht nur in den Augen der 14jährigen Mattie, als jemand, der gegen seinen körperlichen Verfall kämpft und dem Whiskey viel mehr zuneigt, als es für ihn gut wäre. Doch nach anfänglichem Zögern weckt das winkende Kopfgeld die Lebensgeister und den Jagdtrieb des alten Marshalls. Er nimmt den Job an; auch deshalb, weil sich inzwischen ein weiterer Gesetzeshüter hinzugesellt hat: der Texas-Ranger LaBoeuf. Er ist Chaney ebenfalls auf den Fersen, da dieser in Texas einen Senator erschossen hat. Und dort ist noch ein viel höheres Kopfgeld auf den Ganoven ausgesetzt. Zu dritt macht man sich auf, obwohl die beiden Männer Mattie nicht dabei haben wollen. Die lässt sich aber nicht abschütteln, sie will Chaney zur Strecke bringen, koste es, was es wolle.

Bereits vor über 40 Jahren verlieh der legendärste aller Western-Darsteller, John Wayne, dem einäugigen Marshall Gogburn ein unverwechselbares Antlitz. Es war die Rolle, auf die der Krebskranke Wayne sein Leben lang gewartet hatte und die ihm seinen Oscar einbrachte. Schon oft zuvor spielte er angeschlagene Revolverhelden, denen der Staub der Zeit den Glanz geraubt hatte, doch so konsequent wie diesmal hatte er sich mit dem Thema des Verfalls noch nie auseinander gesetzt. Eine Entwicklung, die kurz vor seinem Tod in seinem letzten Auftritt als Westernheld in „The Shootist“ gipfelte. In der aktuellen Verfilmung tritt der letztjährig für „Crazy Heart“ mit dem Oscar prämierte Jeff Bridges die Nachfolge von John Wäyne an. Regie führten bei der Neuadaption die Coen-Brüder, die für ihren schrägen inszenatorischen Stil berühmt-berüchtigt sind.

Anders als vielleicht erwartet, ist dies aber nicht der übliche surreal-satirische Coen-Trip geworden. Auch diese Verfilmung atmet den Geist des Genres. Eingefleischte Coen-Fans könnte das mitunter enttäuschen. Jeff Bridges liefert als altes Revolverrelikt eine vortreffliche Show, die ihm zurecht wieder eine Oscarnominierung beschert, wenn er auch diesmal in Colin Firth, der für „The King`s Speech nominiert ist, einen sehr ernstzunehmenden Konkurrenten hat. Matt Damon als Texas-Ranger LaBoeuf überzeugt in diesem ihm fremden Genre über weite Strecken ebenfalls, aber beide Männer müssen sich – wie im Film die beiden Westernhelden – dem Charmes von Hailee Steinfeld alias Mattie Ross beugen, die brillant die resolute Kindfrau auf ihrem Gerechtigkeitstrip verkörpert.

„True Grit“ präsentiert sich auf den ersten Blick als kultiges Genrestück: hervorragende Darsteller, perfekte Bilder, stimmungsvoller Score; alles wurde auf mainstremigen Feelgood getrimmt. Selbst vom bekannten Coen-Humor gibt es reichlich, wofür sich Jeff Bridges höchstselbst verantwortlich zeichnet. Legte Wayne die Figur des Marshalls zwar gebeugt und beschädigt an, geht Bridges darüber hinaus und liefert einen gebrochenen Helden, der zuweilen mehr mit sich, als mit den Widersachern zu kämpfen hat; was der Figur eine clowneske Seite verleiht, sie aber auch jeglicher Größe beraubt.

Der Western wurde schon oft totgesagt, doch immer wieder tauchten solche Meisterwerke wie „Erbarmungslos“ oder „Open Range“ auf und verliehen ihm eine neuerliche Daseinsberechtigung. Die Verfilmung von „True Grit“ durch die Coens schert sich allerdings wenig um den Nimbus ihrer Figuren. Die Psychogramme sind zwar akribisch, aber das Transzendente, Mythologisch und Heroische der Figuren wird der Nüchternheit zuliebe entzaubert. Selbst das finale Pathos dient lediglich dazu, unter Beweis zu stellen, dass der Triumph der Helden glanzloser Pyrrhussieg ist. Das mag diese schwindende Ära durchaus gut widerspiegeln, ohne aber etwas Positivistisches werden Helden gänzlich obsolet. Wenn man den Mythos vollends tötet, wird alles was Larger then Life ist den Legenden um den Wilden Westens entzogen. Das erweckt dann zuletzt den Eindruck, als wolle man noch das Mark aus den Gebeinen der Toten saugen. So auch in diesem Fall.



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INHALT

Die 14jährige Mattie Ross ist fest entschlossen, den kaltblütigen Mord an ihrem Vater nicht ungesühnt zu lassen. Da die Behörden ihr nicht helfen, will sie den feigen Mörder Tom Chaney mit eigenen Mitteln seiner gerechten Strafe zuführen. Für 100 Dollar engagiert sie den trunksüchtigen und raubeinigen U.S. Marshall Rooster Cogburn, der es mit dem Gesetz selbst alles andere als genau nimmt. Widerwillig lässt er sich von Mattie überreden, sie auf die Jagd nach Chaney mit zu nehmen - quer durch die gesetzlosen Weiten der Prärie. Doch sie sind nicht allein, denn auch Texas Ranger LaBoeuf will den Flüchtigen stellen, um eine Kopfprämie zu kassieren, die auf Chaney wegen eines weiteren Mordes ausgesetzt ist. Unfreiwillig ziehen sie zu dritt weiter und schon bald kommt Mattie dem Mörder ihres Vaters gefährlich nah.
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