KRITIK

Traum, Der

Traum, Der Man staunt: Selten gelang es einem Jugendfilm derart gut, Familiendrama und jugendliche Selbstfindung mit politischem Zeitbild zu verbinden. Der „Traum“, um den es hier geht, ist nämlich ein bekannter: Martin Luther King hatte ihn 1963, in seiner berühmten Washingtoner Rede. „Free at last!“ lautete sein begeisterter Aufschrei, der ein Aufruf war.

Um eine Befreiung geht es auch in diesem zigfach ausgezeichneten Film, und der Befreier ist ein Junge. Frits ist 13 und gerade auf eine höhere Schule gekommen: Die Ferien hat er vor dem gerade angeschafften Fernseher verbracht, der die weltweiten Geschehnisse um Vietnam, Flower Power und Aktivismus ins heimelige Dänemark bringt.

Es ist 1969, und weder Pilzkopf noch liberales Denken haben sich schon bis in die Provinz herumgesprochen: Frits, der langhaarige Knirps, gilt schon äußerlich als Sonderling, erst recht aber, als er sein Interesse für den „ermordeten Neger aus Amerika, der Reden hält“ (O-Ton eines Nebenbänklers) kundtut.

Von Anfang an ist Frits der Revoluzzer, den seine erstarrte Umwelt dringend braucht, bald ist er auch äußerlich ein früher Punk. Mit Mut. Denn er ist es auch, der die Revolte anführt gegen den Schulleiter, einen sadistischen Prügel-Pädagogen: „We Shall Overcome“. Dann: „Free at last.“

Niels Arden Oplevs Film ist vorhersehbar und betont publikumswirksam inszeniert. Aber er ist auch ungewöhnlich ernst. Dazu gehört auch die schwere Depression, an der Frits’ Vater aus heiterem Himmel erkrankt und die Oplev bewundernswert ehrlich thematisiert.

Zurecht verlieh die Kinderjury der Berlinale dem Film den Hauptpreis; und der kleine Janus Dissing Rathke, der selbst noch aus der an tollen Kinderschauspielern nicht eben armen skandinavischen Filmszene heraussticht, wurde für den ehrwürdigen Dänischen Filmpreis nominiert. Neben Hochkarätern wie Rolf „Wallander“ Lassgard und Bond-Schurke Mads Mikkelsen.



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INHALT

Dänemark 2969: Am Ende der Sommerferien wartet auf den 13-jährigen Frits die größte Bewährungsprobe seines jungen Lebens. Sein Vater ist in der kleinen Gemeinde ein allseits respektierter Landwirt, seine Mutter arbeitet als Schulkrankenschwester, und mit ihnen und seinen beiden kleineren Schwestern genießt Frits die Harmonie des intakten Familienlebens.

Zwei Katastrophen ändern mit einem Schlag alles: Sein Vater erkrankt an einer schweren Depression und wird in die Psychiatrie eingeliefert, und das ausgerechnet, als Frits an eine neue weiterführende Schule kommt, wo ein wahres Ungeheuer von Feind lauert: Schulleiter Lindum Svendsen, seit 25 Jahren im Amt, ist berüchtigt und gefürchtet für seine strenge Hand, mit der er seinen Schutzbefohlenen Vaterlandsliebe, korrektes Verhalten und Disziplin wortwörtlich einbläut. Frits, ein introvertierter Junge, der in den Ferien nicht einmal „ordentlich“ verreiste, sondern daheim den neuen Fernseher als „Fenster zur Welt“ – und vor allem auf die politische Aufbruchstimmung, auf Hippies, Friedens- und Bürgerrechtsbewegungen – entdeckte, gerät mit seinen zu langen Haaren schnell in Svendsen Visier.

Auch bei seinen Mitschülern wird Frits bald zum verlachten Außenseiter: ein widerständiger Kerl, der nicht so sein will wie die anderen, einfach weil er lieber ganz er selbst ist, der einen „komischen“ Schwarzen namens Martin Luther King verehrt und sich Gedanken über die trügerische Gerechtigkeit auf dieser Welt macht. Nach einem höchst derben Streich der Mitschüler wird Frits zum Sündenbock und von Svendsen aufs Schlimmste gezüchtigt: Der reißt ihm das halbe Ohr ab, die schmerzhafte, blutige Wunde muss genäht werden. Die Dinge scheinen sich zu bessern, als der Vater zurückkehrt, Frits sich in die hübsche Iben aus seiner Klasse verliebt und ein unkonventioneller neuer Lehrer an die Schule kommt: Freddie Svale lässt sich von den Kindern duzen, hat an Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg in Kopenhagen teilgenommen, unterrichtet Rock-Musik – und hat Schallplatten mit den Reden von Martin Luther King.

Doch nichts ändert sich allzu schnell, kein Schalter lässt sich kippen, um die Schmach und Pein von heute auf morgen abzustellen. Der tyrannische Schulleiter bleibt der, der er ist – und die anderen Erwachsenen taktieren, wägen ab, sind schwach oder mutlos, desinteressiert oder angepasst. Warum sollte ein fragender und suchender Junge ernster zu nehmen sein als das ganz schöne „System“, das sich doch all die Jahre bewährt hat?
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