KRITIK

Trash

Bild (c) UPI Media.

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Wenn sich der „Vorleser„-Regisseur Stephen Daldry mit „Tatsächlich Liebe…“-Drehbuchautor Richard Curtis in die Favelas von Rio de Janeiro begibt, um dort die sozialkritisch grundierte Actionthrillervariante einer Enid-Blyton-Geschichte zu erzählen, dann darf man skeptisch die Augenbrauen hochziehen. Gewiss, Daldry kann gut mit jugendlichen Darstellern umgehen, aber mit ihnen gleich so dicke Bretter bohren wie Korruption und Polizeigewalt?

Immerhin holte er sich mit dem im Portugiesischen bewanderten Schauspiel­coach Christian Durvoort einen vor Ort erfahrenen Mann an die Seite. Und tatsächlich: Die Laien-Knirpse Rickson Tevez, Eduardo Luis und Gabriel Weinstein sind sehenswerte Entdeckungen. Sie spielen die drei Jungs Raphael, Gardo und Rato, deren Alltag darin besteht, auf einer Müllkippe am Rande von Rio nach verwertbaren Überbleibseln zu graben.

Das Drehbuch, das auf einem Jugendbuch von Andy Mulligan basiert, lässt keinen Zweifel an der Doppelbedeutung des Titels: Nach Müll suchen hier diejenigen, die von der Gesellschaft selbst als Abfall gesehen werden. Regisseur Daldry tappt dann leider denkbar schnell in die eingangs befürchtete Romantisierungsfalle, die einst auch das Vergnügen an Danny Boyles in vielem vergleichbaren Slum-Schlager „Slumdog Millionär“ trübte: Hart ist das Leben, doch wir fröhlichen Müllkippenkinder machen es uns nett, selbst wenn wir im Drecktümpel baden. Häufig ist dann von Armutsporno die Rede.

TRSH9805.CR2Als Raphael eine Brieftasche findet, hinter der der fieseste Cop der Stadt her ist, und deren Inhalt auf einen Korruptionsskandal hindeutet, der bis in die höchsten Ränge der Stadtpolitik hin­aufreicht, wandelt sich „Trash“ zum Actionreißer mit einigen durchaus heftigen Gewaltmomenten: „Die Favela der Abenteuer“ trifft „Tropa de Elite“. Warum sich die drei Jungs zu Streitern für die Gerechtigkeit aufschwingen, wird bis zum (schwachen) Finale allerdings nie überzeugend motiviert, und auch die Gastauftritte von Rooney Mara („Verblendung„) und Martin Sheen („Apocalypse Now“, „The Way“) als sozialarbeitende Unterstützer sind wenig mehr als Beiwerk.

So bleibt ein phasenweise sehr spannender, fast zu „schön“ inszenierter Genremix übrig, dessen Zielgruppe nie ganz klar wird. Was natürlich nicht das Schlechteste sein muss.

 

 

 



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