KRITIK

Trapp Familie, Die – Ein Leben für die Musik

Bild (c) 2015 Concorde Filmverleih.

Bild (c) 2015 Concorde Filmverleih.

„Die Trapp-Familie“ von Regisseur Wolfgang Liebeneiner mit Ruth Leuwerik und Hans Holt in den Hauptrollen ist einer der erfolgreichsten deutschen Heimatfilme der 1950er Jahre. Im Oktober des Jahres 1956 begann der Siegeszug der Geschichte um die österreichische Familie. Von Europa über die USA bis nach Mexiko rollte dieser Zug, die Verfilmung einer wahren Geschichte, die bis heute Scharen von Touristen an die entsprechenden Schauplätze lockt. Erzählt wird die Geschichte des österreichischen Kriegshelden und Baron Georg Ludwig von Trapp, der sich nach dem frühen Tod seiner Frau allein um sieben Kinder kümmern muss. Von seinem Hauspfarrer wird ihm eine junge Novizin vom benachbarten Kloster zur Seite gestellt. Zur Freude aller versteht sich Maria nicht nur sehr gut mit den Kindern, sie fördert auch deren außergwöhnliches Gesangstalent. Der hoch dekorierte Kapitän ist von dieser Fürsorge sehr angetan, die 20 Jahre jüngere Novizin und Georg Ludwig von Trapp werden ein Ehepaar.

Als die Weltwirtschaftskrise auch bei den von Trapps ihren Tribut zollt, organisieren die ältesten Töchter unter Führung ihrer Stiefmutter öffentliche Gesangsauftritte. Mit großem Erfolg. Sogar das elitäre Publikum der Salzburger Festspiele ist von der singenden Familie äußerst angetan. Als die Nationalsozialisten im Jahr 1939 die Macht in Österreich übernehmen, erhalten die von Trapps schließlich eine Einladung nach Amerika. Der Beginn einer großen Karriere mit zahlreichen Auftritten als „The Trapp-Family“ mitsamt ihrer österreichischen Volks- und Weihnachtslieder.

Szene_Trapp_FamilieKnapp sechzig Jahre später möchte der Holländer Ben Verbong („Das Sams“) nun die „wahre Geschichte“ der Familie von Trapp erzählen. Basierend auf den Memoiren von Agathe von Trapp. Ihre Erinnerungen an die Anfänge dieser Erfolgsgeschichte waren 2003 als Buch erschienen. Es sollte eine Verfilmung „diesseits jeglicher Romantisierung“ entstehen, aus dem Blickwinkel der ältesten Tochter, so, wie es sich wirklich zugetragen hat im Österreich der 1930er Jahre. Denn in den letzten Jahren hatte der „von-Trapp-Mythos“ zahlreiche Risse bekommen. Trotz zahlreicher Einstweiliger Verfügungen durch das Familienoberhaupt sickerte in den letzten Jahren so einiges an die Öffentlichkeit. Zu den Tatsachen, die sowohl in der Wolfgang Liebeneiner als auch in einer weiteren Verfilmung von Robert Wise („The Sound of Music“) ausgespart wurden, gehörte zum Beispiel, dass die jugendlichen Chormitglieder zum Teil gegen ihren Willen zum Singen gezwungen worden sein sollen. Oder dass der jüngste von-Trapp-Sprössling das Kind aus einer Beziehung von Kinderfrau Maria zum Hauspfarrer Wasner war.

Ben Verbong versucht nun zu korrigieren, was es zu korrigieren gibt. „Dadurch entstehe ein ganz anderer Film„, gab er dazu in einem Interview zu Protokoll, schließlich entstehe beispielsweise durch die wahrheitsgemäß eigentliche Ablehnung der strengen Novizin Maria durch die älteste Tochter Agathe ein ganz neues Spannungsfeld. Im Film jedoch ist von Strenge, Konflikten, Zweikämpfen oder einem Spannungsfeld rein garnichts zu sehen. Die Soap-Darstellerin und Sängerin Yvonne Catterfeld gibt in dieser Neuverfilmung von Verbong eine stets freundliche, zurückhaltende und sehr bescheidene Novizin Maria, die hier zudem noch „Fräulein Gustl“ genannt wird. Ihre religiöse Herkunft lässt sich nur erahnen. Meist mit einem Lächeln im Gesicht und einem kleinen Witz auf den Lippen fürsorgt sie sich durch eine alpenländische Familienharmonie, die alles auffährt, was das Rosamunde-Pilcher-erprobte Kitsch-Herz begehrt. Inklusive Lederhose und Trachtenkleid natürlich.

Szene_Trapp_Familie_2Dass Verbong die Tatsache der religiösen Strenge von Maria ausspart? Geschenkt. Auch die Wahrheit über die eigentlich arrangierte Hochzeit von Maria und ihrem zwanzig Jahre älteren Baron wird von ihm zu einer romantischen Liebeshochzeit verklärt. Doch damit nicht genug. Eine zentrale Figur der Familienhistorie wird von Verbong komplett ausgespart: Die des Hauspfarrers Franz Wasner. Denn der Pfarrer und Musiker, in der ersten Verfilmung verkörpert von Josef Meinrad, war der eigentliche Förderer und Chorleiter der Familie. Ihm allein ist es zu verdanken, dass die Sangeskünste der Trapp-Töchter zu dem wurden, was viele Jahre später auf zahlreichen Langspielplatten zu hören war.

Nein, diese Neuverfilmung von Verbong hat mit „wahre Geschichte der Trapp-Familie“ ebensowenig bzw. so viel zu tun wie Rosamunde Pilcher-Verfilmungen mit niveauvoller Fernseh-Unterhaltung. Auch wenn sich Yvonne Catterfeld in dieser international besetzten Großproduktion allergrößte Mühe gibt, ihr darstellerisches Talent unter wahren Schauspielern wie Matthew Macfadyen (als Baron Georg von Trapp) oder Rosemary Harris zu beweisen, sollte sie doch in den zahlreichen Talkshow-Auftritten, die noch folgen werden zugeben, dass es sich bei Ben Verbongs Neuverfilmung lediglich um eine weitere Alpenheimat-Schmonzette handelt, die den Trapp-Mythos lediglich aus einem anderen Blickwinkel befeuert.

Dabei hätte es der zusätzlichen Rahmenhandlung mit dem Rückblick Agathe von Trapps als Urgroß-Oma (in der Jetztzeit) ebenso wenig bedurft wie der völlig überflüssige Erzählstrang mit dem ehemaligen Chauffeur Konrad (Cornelius Obonya), der sich vom Angestellten der von Trapps zum gefürchteten Nazi-Schergen „hocharbeitet“. Unter all diesen Gesichtspunkten lässt diese Neuverfilmung nur ein Urteil zu: Ein Ärgernis!

 

 

Kritikerspiegel Die Trapp Familie - Ein Leben für die Musik



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
2/10 ★★☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, WAZ, etc.
0/10 ☆☆☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
1.5/10 ★½☆☆☆☆☆☆☆☆ 


 

Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel November.

 



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Trapp Familie, Die – Ein Leben für die Musik

  1. Melodie

    Hier stimmt nichts so recht. Untertitel: ein Leben für die Musik. Und genau die kommt so gut wie gar nicht im Film vor. Die Biografie: Der Baron und die Novizin/Baronin spielen hölzern und langweilen; man erfährt über die Familie im Schnelldurchgang nur allzu Bekanntes, das der Film aus den 50ern viel besser rüber gebracht hat. Da hätten wenigstens die geschichtlichen Details (Nationalsozialismus) die Story retten können, aber leider wurde auch diese Chance versäumt und nur das ohnehin schon Bekannte wiederholt. Und die Rahmenhandlung: Überflüssig wie der berühmte Kropf.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*