KRITIK

Transamerica

Transamerica Einer der ganz großen US-Überraschungshits des letzten Jahres ist dieser Independent-Film, und für „Desperate Housewives“-Star Felicity Huffman bot er die Chance für die Rolle ihres Lebens. Sie spielt hier einen Mann, der kurz vor seiner Geschlechtsumwandlung zur Frau steht! Das ist natürlich eine echte Herausforderung, und Huffman nimmt sie souverän an.

Bree möchte kein Mann mehr sein, sondern eine elegante, beinahe schon übertrieben feminine Frau. Deshalb lässt er sich jetzt endlich operieren. Trotzdem hat das grenzüberschreitende Transgender-Dasein seelische Spuren hinterlassen: Bree ist depressiv, und da kommt es ihm besonders ungelegen, als ihn die Nachricht von einem Sohn ereilt, den er in einem heterosexuellen Vorleben gezeugt hat, von dem er allerdings bislang nichts wusste. Der Spross heißt Toby (nicht minder überzeugend: Kevin Zegers aus „Dawn of the Dead“) und stellt sich als smarter Stricher in Gesetzesnöten heraus. Bree möchte kurz vor dem Start in sein/ihr neues Leben nichts mehr mit diesem Relikt der Vergangenheit zu tun haben und gibt sich daher nicht als Tobys Vater zu erkennen. Der wird sie noch eine ganze Weile lang für eine freundliche Missionarin irgendeiner kirchlichen Fürsorge halten – bis er sie irgendwann einmal im Autorückspiegel per Zufall bei einer betont männlichen Form des Urinierens erblickt.

Doch bis dahin hat sich schon ein halbes Roadmovie abgespielt, denn Bree erklärt sich immerhin bereit, den auf die schiefe Bahn gelangten Filius per Auto zu seinem Stiefvater zurückzubringen. Der allerdings erweist sich als Brutalo, weshalb Bree und Toby noch weiter von East Coast zu West Coast fahren müssen. Der Weg ist klassisch fürs amerikanische Kino, und ebenso klassisch erfolgt die Annäherung der ungleichen Reisegefährten: Aus gegenseitiger Skepsis erwächst Respekt und später dann Freundschaft, und wie jedes gute Roadmovie ist auch hier der Weg gespickt mit ulkigen Typen, hier in der Bandbreite vom kiffenden Strauchdieb über den knabengeilen Trucker bis hin zum freundlichen Indianerkerl (Graham Greene), der die edle Bree gern mal wiedersehen würde.

Irgendwann langen Vater und sein immer noch nichts ahnender Sohn im Hause von Brees Eltern an, wo eine entsetzte Mutter (köstlich künstlich aufgebrezelt: Fionnula Flanagan, die kürzlich noch die liebe Mama der „Vier Brüder“ war) auf sie wartet und ein in Zufriedenheit resignierter Vater, dessen bester Spruch lautet: „Ich hab’ irgendwann mal einen Porno geguckt, seither finde ich Sex langweilig.“

Im letzten Drittel, das Brees Konfrontation mit der schrecklichen Familie beschreibt, droht der Film bisweilen zu sehr in die Klamotte abzudriften, und auch das Verhältnis von Bree und Toby kippt an einer Stelle ins Unglaubwürdige, doch all das ist wohl dem zwingenden Bedürfnis nach einem dramaturgischen Höhepunkt geschuldet. Der nüchterne, sehr gelungene Schluss hingegen ist wieder voll auf der Linie des ansonsten stets liebenswürdigen Geschehens, das sich angenehm vom Hollywood-Mainstream abhebt, schon allein, weil es sich nicht verklemmt vor Offenherzigkeiten in Bild und Dialog scheut. Regie-Neuling Duncan Tucker gebührt hier aber vor allem das Verdienst, die ansonsten höchstens in Nischenfilmen, und dort oft verkrampft abgehandelte Transgender-Thematik in einem flotten Entertainment-Szenario zu transportieren, das auch jenen Betrachter amüsieren und vielleicht sogar rühren wird, der damit bislang so gar nichts am Hut hatte. Und nicht zuletzt liegt das an Felicity Huffman, die hierfür zu Recht den Golden Globe erhielt. Als beste Hauptdarstellerin, natürlich.



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INHALT

Bree ist eine konservative transsexuelle (Fast-)Frau. Für die letzte Operation, die sie endlich in eine ganze Frau verwandeln soll, spart sie jeden Penny. Doch eine Woche vor der finalen Operation stellt ein Anruf aus dem New Yorker Jugendgefängnis ihr Leben auf den Kopf. Der Anrufer – Toby – ist das Ergebnis einer längst vergessenen, experimentierfreudigen Nacht zu High-School-Zeiten. Als Bree noch Stanley hieß und ein Mann war. Obwohl Bree nichts davon wissen will, schickt ihre Therapeutin sie nach New York. Erst muss mit der Vergangenheit abgeschlossen werden, dann gibt es die lang ersehnte OP. Toby hält Bree zunächst für eine christliche Missionarin, die gestrauchelte Jugendliche bekehren will. Bree sieht keinen Grund, dieses Missverständnis aufzuklären. Doch Tobys Pläne lösen bei Bree Panik aus: Toby will nach L.A., um Stanley zu finden und um Porno-Star zu werden. In der Hoffnung, ihn unterwegs bei seinem Stiefvater zurücklassen zu können, bietet Bree ihm an, gemeinsam mit ihm an die Westküste zu fahren. Auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft und mit viel Sehnsucht im Gepäck begibt sich das ungleiche Paar gemeinsam auf eine turbulente Reise quer durch Amerika. Auf dem Weg nach Westen haben beide entgegengesetzte Ziele: Toby will Stanley finden. Und Bree will Stanley für immer hinter sich lassen.
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