KRITIK

Totem

Plakat zum Film TotemDie elektrischen Fensterläden fahren herab wie ein Theatervorhang. Aus dem Off wispert Fiona, die Protagonistin, “Ich wusste nie, was ich wollte. Ich weiß es auch jetzt nicht” über einem uneindeutig eindeutigen letzten Bild, dann senkt sich der Abspann über “Totem”. Und alles zuvor ist pure Irritation, der Wirklichkeit um einen Pixel oder eine Bildzeile verschoben, so dass sie in ihr noch verhaften bleibt, unbedingt sogar, aber sich gleichzeitig dem Surrealen einen Spalt öffnet. Und nicht wirklich zu fassen ist, im Ungefähren und Abgründigen.

Reden wir über Sozialrealismus im Kino, über Filme von Mike Leigh oder Andreas Dresen. Filme, die einen gewissen Aufwand betreiben, genau diesen zu verschleiern. Die einen Blick in das unverstellte, echte, wahrhaftige – derer Adjektive gibt es zuhauf – Leben ermöglichen wollen, die mit zugegeben großer Meisterschaft die Wirklichkeit zu simulieren beabsichtigen – mit ihren Kleine-Leute-Geschichten, ihren präzisen Alltagsbeobachtungen, immer dem wahren Leben abgeschaut und abgetrotzt und entsprechend maßstabsgetreu nachgestellt. Sind sie mit ihrer Realitäts-Mimikry nicht das wahre Illusionskino, und nicht etwa “John Carter” oder “Avatar”? Begeben sie sich nicht sehenden Auges in jene Falle des Kinos, die das Stellvertretende, die Vorspiegelung falscher Tatsachen als Grundvoraussetzung ausmacht?

Szene aus Totem

(c) Filmgalerie 451

“Totem” verfolgt eine divergente Strategie, ist sich der Künstlichkeit des Kinobildes extrem bewusst und erfüllt dieses Muster mit unerbittlicher Konsequenz, trotz oder möglicherweise gerade wegen seiner beschränkten Mittel. Die beiden Babys in ihrem Bettchen sind Babypuppen, als solche auch direkt zu identifizieren und entsprechend thematisiert, und doch kümmern sich die “Mutter” Claudia und ihre neue Haushaltshilfe Fiona rührend um sie, möchten sie gar nicht mehr aus dem Arm geben. Was macht diese Tatsache mit den Charakteren, wo werden sie verortet, gleich in der ersten Sequenz? Fiona, die Neue in dem seltsamen Familiengefüge irgendwo im Ruhrgebiet, so heißt es, aber das ist letztlich egal, bleibt eine Fremde durch den gesamten Film. Ihre Eltern seien gestorben, antwortet sie auf Nachfrage; ein paar Minuten später sehen wir sie mit ihrer Mutter telefonieren. Eines Nachts spaziert sie mit dem Kinderwagen durch die Stadt, zwei aufmerksam gewordenen Polizisten gegenüber gibt sie sich als Mutter der Baby(puppen) aus und hält der Überprüfung stand. Währenddessen bleibt die “echte” Mutter tagsüber im Bett liegen oder regt sich über Fionas Terrassenfegen auf und fordert lautstark ihre Ruhe.

Claudias Leben ist unbemerkt aus den Fugen geraten. Ihr Mann Wolfgang macht sich, wenn nicht ohnehin abwesend, höchstens noch an Fiona ran, auch zur Tochter Nicole findet Kommunikation nicht mehr statt. Die Routine ist zu etwas Bedrückendem geworden, die Rituale sind schal, die Wohlstandsgesellschaft ertrinkt im Banalen und frisst ihre Kinder.

Im Referenzraum von “Totem” ist Ulrich Seidls “Hundstage” nicht allzu weit entfernt, die Sommerluft flirrt und ermattet die Menschen, und Nicoles doppelt so altem Freund fehlt nur noch Georg Friedrichs breiter österreichischer Dialekt, wie er sich so unterhemdig und breitbeinig auf der Couch lümmelt. Ansonsten ist das kleinbürgerliche Leben in dieser Wohnsiedlung zwischen Gelsenkirchener Barock und selbstgezimmertem Kaninchenstall in der Gartenparzelle ebenso hässlich und depressiv und latent selbstmordgefährdet wie in der Wiener Vorstadt.

Zwischen den nahezu unbekannten Darstellern in “Totem” findet sich mit Natja Brunckhorst ein ehemals berühmtes Gesicht, die Christiane F. von vor dreißig Jahren, und so gar nichts scheint die lethargische, abgespannte Claudia mit jenem Charakter zu verbinden, aber vielleicht würde Christiane F., wenn sie den Absprung wirklich geschafft hätte, dreißig Jahre später in einer ebensolchen westdeutschen Vorortsiedlung versauern, am Heute verzweifeln und dem Gestern ein klein wenig nachtrauern. Das Morgen hingegen ist ein zu großer gedanklicher Kraftakt, so schließt man besser die Rollläden vor dem, was dort kommen mag oder wählt noch radikalere Wege sich dem Ungewissen zu verweigern. Das ist durchaus eigenwillig wie so vieles an “Totem”, der sich mit ebensolcher Strenge wie erzählerischer Freiheit eindrücklich und nachhaltig ins Bewusstsein schleicht.

  



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