KRITIK

Toni Erdmann

Bild (c) NFP Filmverleih.

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Der erst dritte Spielfilm der deutschen Regisseurin Maren Ade war nach acht Jahren Pause der erste deutsche Film im Wettbewerb von Cannes – und im 2016er Jahrgang gleich ein Triumph bei Publikum und Kritik. Tatsächlich kann man sich in jüngster Zeit kaum an einen zweiten deutschen Film erinnern, der sich bei aller inszenatorischen Sorgfalt erzählerisch so frei anfühlte und zugleich so traumsicher den schmalen Grat zwischen Melancholie und Irrwitz entlangbalancierte.

Dabei liest sich der Plot von „Toni Erdmann“ zunächst wie ein herkömmliches Fernsehspiel: hier die erfolgsversessene Tochter Ende dreißig, dort der leicht angeranzte Vater Ende sechzig, Alt-68er, Musiklehrer mit Hang zu derbem Furzkissenhumor. Die Entfremdung von Ines und Winfried wird in wenigen Gesten etabliert; doch was folgt, unterscheidet sich komplett von den Routinen des deutschen TV-Alltags. Der dokumentarische Gestus der Berliner Schule, als deren Teil Ade („Alle Anderen„) bekannt wurde, trifft auf ein befreiendes Spiel mit Rollen und Performances, das man am ehesten noch am Theater erwarten würde.

Szene_Toni-ErdmannWinfried, der Vater, folgt Ines, der Tochter, ins rumänische Bukarest, wo die alerte Unternehmensberaterin ihren Kunden erklärt, was man alles gewinnbringend outsourcen könnte, und er fährt ihr hochnotpeinlich in die Parade. Der Besuch endet im Fiasko, doch Winfried kehrt zurück: Mit schiefem Gebiss und Zottelperücke nimmt er die Persona von „Toni Erdmann“ an, den er in Ines´ spätkapitalistisch hohler Consulting-Welt als „Coach“ des Tennistrainers Ion Tiriac vorstellt. Ines lässt sich auf das Spiel mit dem skurrilen Ungeist ein, was auf beglückend seltsamen Wegen zu gegenseitiger Annäherung führt – und zur wohl witzigsten Nacktparty der Filmgeschichte sowie zum Auftritt eines bulgarischen Fellwesens. Kann man nicht beschreiben; muss man sich anschauen.

Maren Ade lässt sich zweieinhalb Stunden Zeit für all dies, aber es ist jede Minute wert. Nicht zuletzt ist das auch ein Verdienst der beiden Theaterstars Sandra Hüller und Peter Simonischek, die hier famos aufspielen und mühelos zwischen grotesken Clownerien und minimalistisch-präziser Gefühlsdarstellung umschalten. „Toni Erdmann“ ist ein Wunderding und fraglos der schönste deutsche Film dieses Kinojahrs. Herausragend.

 

 

Kritikerspiegel Toni Erdmann



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, dramadandy.de
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Durchschnitt
9.5/10 ★★★★★★★★★½ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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