KRITIK

Tomorrow

Bild (c) 2016 Pandora Film.

Bild (c) 2016 Pandora Film.

Eine Studie in der Fachzeitschrift „Nature“, die den Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation innerhalb der nächsten 40 Jahre voraussagt, war die Motivation für Schauspielerin Mélanie Laurent und den Aktivisten Cyril Dion sich mit diesem dystopischen Szenario genauer zu beschäftigen. Müll trennen und Verzicht üben ist zwar eine gute Sache, als besonders hip gilt beides jedoch nicht. Also wählten die beiden für ihr Vorhaben eine andere Herangehensweise als in den vielen engagierten Dokumentationen zum Thema zuvor: Fakten werden zusammengetragen und Ergebnisse aus Dokumentarfilmen wie „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt“ oder „We feed the World“ werden zitiert – und noch mehr – bei Laurent, Cyril und ihren Freunden zu einer hippen Gebrauchsanweisung für ein besseres Leben ausgearbeitet. Inklusive zahlreicher Präsentationen: So könnte es aussehen, wenn … Der Erfolg (César als bester Dokumentarfilm in Frankreich 2016) gibt ihnen Recht. Über 1 Mio. haben den Film in Frankreich bereits gesehen. Mögen in Deutschland mindestens genau so viele dazukommen.

Um Lösungen zu finden, muss man zunächst eine Leidenschaft entwickeln, ansteckend handeln und auch manchmal auf Reisen gehen. Mélanie Laurent, Cyril Dion und ihr Team suchten weltweit nach Lösungen. Die Bekanntheit der französischen Schauspielerin („Inglorious Basterds“) dürfte ihnen dabei einige Türen (mehr) geöffnet haben. Von der sauberen Kartonfabrik in Nordfrankreich bis zu den zwischen den urbanen Ruinen Detroits angelegten Gemüsegärten besuchten die Autoren Projekte, die ihre wirtschaftliche Tauglichkeit auch bei niedrigem CO2-Ausstoss beibehalten können. Zehn Länder wurden bereist, um Lösungen statt Probleme anzubieten. Ein superbes Konzept, das jedem verdeutlichen soll: Es kann gelingen, das Umdenken. Auch wirtschaftlich. Zusammen mit dem (simplifizierenden) mutmachenden Off-Kommentar ergibt sich somit eine Art Handlungsanleitung für Jedermann, die sich durchaus als Lehrfilm für die Zukunft anbietet.

Filmemacher Cyril Dion und Mélanie Laurent.

Filmemacher Cyril Dion und Mélanie Laurent.

Agritprop-Kino vom Feinsten also, im positiven Sinne, eine Schönwetter-Dokumentation, die lediglich zu Beginn kritisch hinterfragt, in Folgenden aber kaum mehr nach harten Fakten oder weniger beschönigenden Zahlen forscht. Den Selbstdarstellungen der Interviewpartner wird oft Glauben geschenkt. Auch die städtische Politik kommt zu Ehren, etwa der Kopenhagener Versuch, in den nächsten zehn Jahren 75 Prozent des Pendelverkehrs auf die Velospur oder in die öffentlichen Transportmittel zu verlagern. Oder ein Blick in die Abfallversorgung von San Francisco, wo sich ein Berg Unrat – „mit Müllarbeiteraugen betrachtet“ – als potenzielles Düngemittel erweist, das mit Gewinn an die lokalen Agrarbetriebe verkauft werden kann.

Als kritische Auseinandersetzung mit den Themen „Energiewende“, „Biologische Landwirtschaft“ oder „Neue Verkehrskonzepte“ taugt „Tomorrow“ nur bedingt. Dafür bleiben die einzelnen Präsentationen zusammen mit der hippen, affirmativen Musikuntermalung zu unkritisch. Wer also von einer Dokumentation erwartet, dass diese sich mit einer der Wirklichkeit auseinandersetzt, wird bei Laurent und Dion schwerlich auf seine Kosten kommen. Doch auch deshalb heißt diese Doku „Demain“ / „Tomorrow“. Ihre Halbwertzeit wird länger anhalten als den Nachhauseweg, wie in vielen anderen Dokumentarfilmen zuvor. Und durch die unterhaltsamen, neugierigen und inspirierenden Dialoge der beiden Filmemacher wird eine wichtige „Jetzt-erst-Recht-Stimmung“ evoziert, die, wie es scheint, so nötig ist in Anbetracht der immer schlimmer wütendenden Naturkatastrophen in jüngster Zeit. Also ja, anschauen!

 

 

Kritikerspiegel Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen



Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


 

Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

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