KRITIK

Tom Sawyer

Plakat zum Film Tom SawyerWenn die Havel zum Mississippi wird und das Südstaaten-Städtchen St. Petersburg plötzlich in der Nähe von Berlin bzw. in Rumänien liegt, dann dürften Leseratten längst einen Verdacht haben: Richtig, jemand hat Mark Twain nach Deutschland geholt. Dieser jemand ist Hermine Huntgeburth, die bereits 2002 mit ihrer (misslungenen aber erfolgreichen) „Bibi Blocksberg“-Interpretation erste Erfahrungen im Kinderfilm-Genre sammeln durfte. Warum ausgerechnet sie, zusammen mit Produzent Boris Schönfelder, die uramerikanische Geschichte um eine ungleiche Kinder-Freundschaft auf deutsch und in Deutschland verfilmen musste(n), das bleibt wohl nicht zuletzt ihr sondern auch das Geheimnis des deutschen Förder-Irrsinns, der in Zusammenarbeit mit den deutschen Fernsehanstalten immer absurdere Blüten treibt.

Tom Sawyer auf der Havel. Für die ´transformation du terrain` wurde die üppige Flora und Fauna der Havelschen-Uferlandschaft ockergelb nachkoloriert, den Kamerapositionen mussten weitere Bedingungen diktiert (kleinerer Ausschnitt etc.) und nicht zuletzt den Kostüm- und Bühnenbildnern nahezu alles abverlangt werden. Zugegeben, wer die ersten Szenen des Films, eine Ankunft eines weißen Flußdampfers im Hafen des Städtchens St. Petersburg (an der Havel, hüstel!) sieht, der muss respektvoll den künstlerischen Hut ziehen. Alle Verantwortliche haben bis ins kleinste Detail zahlreiche Anstrengungen unternommen, damit der Zuschauer sich nicht in einer Kulisse in der Nähe der Havel wähnt, sondern am Fluss des Mississippi zu Beginn des Jahres 1876.

Szene aus dem Film Tom SawyerFür eine weitere positive Überraschung sorgt gleich zu Beginn auch der titelgebende Hauptdarsteller, verkörpert von Louis Hofmann, der in der deutschen Version nicht nur überzeugend die Chuzpe und Verschlagenheit des Original-Tom perfekt transportiert, sondern auch die Abenteuerlust mitbringt, die so viele (junge) Leser der Romane von Mark Twain in ihren Bann gezogen hat. Louis Hofmann ist der Waisenjunge, der Abenteurer und Schulschwänzer aus den Romanen, er verkörpert ihn nicht nur. Daneben bleibt seinem „Best-Buddy“, Leon Seidel als Huck Finn nur die Rolle des Erfüllungsgehilfen. Bei der Besetzung des Huck Finn hätte man sich etwas mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Leon Seidel ist zwar ein talentierter Darsteller… ein obskurer Herumtreiber, der in einer Tonne am Fluß lebt und sich mit Diebstählen durchs Leben schlägt, ist er nicht. Dafür fehlt ihm nicht nur die nötige Rohheit.

Für weitere Überraschungen – jedoch nicht für positive – sorgen im weiteren Verlauf die „erwachsenen“ Darsteller. Die „gesittete, ältere Dame“ Tante Polly aus Twains Vorlage wurde in der deutschen Version mit Heike Makatsch besetzt. Eine Fehlentscheidung. Denn die Darstellerin, Jahrgang 1971, ist trotz Haarkranz und Südstaaten-Kleid so fehl am Platze wie Benno Fürmann, der als Indianer Joe mit langen Haaren, roter Schminke und aufgeklebter Adlernase eher aussieht wie ein angemalter Weisser, der gerne mal Indianer spielen wollte. Den äußerlichen Makel versucht Fürmann mit einem derart furchterregenden Furor zu überspielen, dass nicht nur den Kleinsten im Publikum Angst und Bange wird. Zudem wurde ihm vom Drehbuchautor Sascha Arango eine Lebensgeschichte mit auf den Weg gegeben, die sein kriminelles Handeln nicht nur zu entschuldigen versucht, sondern ihn lediglich als Opfer der Umstände charakterisiert. In der deutschen Version ist er wohl deshalb kriminell, so will es das Drehbuch, weil er als Kind geschlagen und von den Weißen nie akzeptiert wurde. Aua!

Szene aus dem Film Tom SawyerNicht nur diese deutsche Neuinterpretation der Figur von Indianer Joe, die im Hinblick auf seine Rolle als Bösewicht viele Fragen offen lässt, auch einige Dialogzeilen aus dem Drehbuch sorgen am Ende eher für einen schalen Beigeschmack. Ob im Mississippi-Delta des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Indianer tatsächlich „Zisch ab!“ gesagt haben oder Richtertöchter ausgerechnet „bescheuert“ waren, wird wohl nur Drehbuchautor Sascha Arango beantworten können. „Seine“ Regisseurin Hermine Huntgeburth versucht diese Schieflage jedoch nicht durch ein erhöhtes Tempo oder gar kreative Ideen aufzufangen, sie unterstreicht diese Schieflage noch, in dem sie viel lieber mit der Kamera in der Schönheit der Landschaft und der Niedlichkeit der Kindergesichter schwelgt, als die Story auf Trapp zu bringen.

Insgesamt wirkt der Film somit unrund, es fehlt an Tempo und Schnoddrigkeit. Im Mittelteil ziehen sich die vermeintlich kurzen 109 Minuten deutlich in die Länge. Spielzeit, die am Ende fehlt. Wie die Botschaft. Denn um das Wichtigste aus der Vorlage, die Stationen einer Freundschaft, noch auf die Leinwand zu wuchten, werden sie gegen Ende viel zu schnell abgearbeitet. Somit gerät Huntgeburths Interpretation eher zu einem „Best of Tom Sawyer“. Bleibt zu hoffen, dass sie mit ihrer nächsten Verfilmung „Huck Finn“, die sich schon in der Produktion befindet und wohl 2012 ins Kino kommt, mehr Fingerspitzengefühl und Liebe zur Vorlage an den Tag legt. Auf dem Kinderfilmfest in Münster 2011 fiel der Film beim Zielpublikum durch. Die 5 bis 12-jährigen wählten gleich zwei andere Filme zu ihren Favoriten.

  



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INHALT

Tom Sawyer (LOUIS HOFMANN) hat den Kopf voller Streiche und treibt sich, wenn er nicht gerade ein neues Abenteuer ausheckt, am liebsten mit seinem besten Kumpel Huck Finn (LEON SEIDEL) herum – sehr zum Leidwesen seiner Tante Polly (HEIKE MAKATSCH), mit der Tom und sein Halbbruder Sid (ANDREAS WARMBRUNN) im Städtchen St. Petersburg am Mississippi leben. Seine Tante hat sich vorgenommen, Tom zu einem verantwortungsbewussten, anständigen Menschen zu erziehen. Doch er wehrt sich, so gut er kann: Ein Fantast, Pirat und Abenteurer wie er hat einfach keine Zeit, in die Schule zu gehen. Stattdessen verbringt er jede freie Minute bei Huck, der am Ortsrand in einer Tonne lebt und dort völlig unbeaufsichtigt seine Freiheit genießt. Nur ein ganz außergewöhnliches Mädchen schafft es, Toms Aufmerksamkeit vom Herumstromern abzulenken: Becky Thatcher (MAGALI GREIF), die Tochter des Richters von St. Petersburg (PETER LOHMEYER), die gerade neu in den Ort gezogen ist. Tom gibt alles, um ihr mit seinen Heldentaten zu imponieren. Eines Tages führt eine ihrer Missionen Tom und Huck um Mitternacht auf den Friedhof des Ortes. Schnell stellen sie fest, dass sie nicht die einzigen sind, die sich dort zu nachtschlafender Zeit rumtreiben. Sie müssen mit ansehen, wie Indianer Joe (BENNO FÜRMANN) einen kaltblütigen Mord begeht und ihn dem trotteligen, aber unschuldigen Sargschreiner Muff Potter (JOACHIM KRÓL) in die Schuhe schiebt. Was sollen Tom und Huck nun machen? Ihr Mut wird auf eine schwere Probe gestellt...
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Eure Kritiken zu Tom Sawyer

  1. Heiko S.

    Das ist so ein toller Film!
    Man könnte in Sachen Rezension ein wenig mehr Fingerspitzengefühl erwarten.

  2. Tom Säger

    Habe mir jetzt diesen Film auch angesehen, obwohl ich schon ahnte, dass dies ein Fehlschlag war. Die Deutschen allein können weder Märchen noch Kindergeschichten produzieren, die einigermaßen etwas taugen. Tante Polly mit der prügelnden H. Makatsch besetzt – Fehlbesetzung, Indianer Joe – Fehlbesetzung; die übrigen Gestalten – Fehlbesetzung. Becky Thatcher – eine Kathastrophe. Diesem Tom fehlte die Leichtigkeit eines Tom Saywers in dem legendären Vierteiler. Warum hat man stattdessen nicht diesen wiederholt? Nur weil er älter ist und länger? Eine exzellenrtere Verfilmung von Twains Roman mit besseren Darstellern gibt es nicht. Jede weitere Verfilmung ist nur Geldverschwendung.

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