KRITIK

To mikro psari – Stratos

to-mikro-psari-posterGroße Fische fressen kleine Fische„, höhnt ein Nebencharakter in Yannis Economides´ zynischem Gangsterdrama, „so ist das eben.“ So ist das und es ist nichts Neues, aber der kalte Pragmatismus birgt auf die animalische Essenz kondensiert dennoch eine dumpfe Verstörungskraft. Sie bestimmt die spartanische Sektion einer ausweglosen Verbrecherexistenz am Rande einer entmenschlichten Gesellschaft.

Deren pathologischer Verhaltensethos ist der eigentliche Feind des wortkargen Titelcharakters (Vangelis Mouroukis), den einen Antihelden zu nennen schon zu viel der Psychologisierung wäre. Die Hauptfunktion des verurteilten Totschlägers, der eine alte Schuld aus Gefängnistagen begleichen muss, ist der eines Führers entlang der Ufer des Styx. Vom kalten Tageslicht in monochrome Grau- und Gelbtöne getaucht, ist die triste Peripherie Athens ein diesseitiges Abbild des Tartaros. Seine Bewohner martern sich selbst und einander mit ihrer Gier nach Dingen, die scheinbar zum Greifen nah und doch unerreichbar vor Augen liegen. Sie zermürben sich in stupider, zweckloser Routine und mühen sich mit einer Aufgabe, die kurz vor ihrer Vollendung zunichte gemacht wird.

Eine solche Sisyphusarbeit ist der Bau eines Fluchttunnels im Auftrag des Kriminellen Yorgos (Yannis Tsortekis), dessen Bruder Stratos sein Überleben im Knast verdankt. Nach seiner Entlassung befindet sich Stratos in einem neuen Gefängnis aus Pflichtgefühl und Verbrecherehre. Dass er der einzige ist, der noch an irgendeinem moralischen Ideal festhält, vermag er im Gegensatz zum Zuschauer bis zum pessimistischen Ende nicht abzusehen. Vielleicht geht stille Einzelgänger auch wissend seinem vorgezeichneten Schicksal wie die Figuren einer griechischen Tragödie, deren Struktur der blutleere Noir-Thriller bedachtsam verfolgt. Sein eingesunkenes Gesicht ist oberflächlich bar jeder Emotion, dahinter jedoch schlummern die letzten Regungen von Zuneigung und Anteilnahme. Aus ihnen wächst ihm nur Schmerz in dem überlangen Sozialmonolog, dessen zerfaserter Plot seine Aussagen zu oft und vorhersehbar wiederholt. Die Gemeinschaft, die der Regisseur und das Drehbuchautoren-Trio Thanos Xiros, Vangelis Mourikis und Christos Konstantakopoulos ins Visier nehmen, ist materiell und menschlich gleichermaßen bankrott.

Bild (c) Failrohaus Productions.

Bild (c) Failrohaus Productions.

Wenn Stratos nicht in einer Bäckerei im Schichtdienst die immer gleichen Handgriffe ausführt, erledigt er mit der immer gleichen Präzision Auftragsmorde. Einzig sein Kontaktmann The Painter (Yannis Anastasakis) weiß von dem Job, der Stratos für den sadistischen Unterweltboss Petropoulos (Yorgos Yannopoulos) interessant macht. Dass Stratos die lukrative Anwerbung aus Skrupel zurückweist, ist seinen von triebgesteuerten Mitmenschen unverständlich. Für Geld sind sie zu allem bereit, sei es der Betrug ihrer nächsten Verwandten, Verrat an ihren engsten Freunden oder die Ausbeutung ihrer intimen Partner.

Stratos gehandicapter Nachbar Makis (Petros Zervos) profitiert von der Prostitution seiner jungen Gattin Vicky (Vicky Papadopoulou). Sie wiederum schließt mit Makis‘ Zuspruch einen perversen Handel, bei dem ihre kleine Tochter Katerina (Polina Dellatola) die Ware ist. Die undurchdringliche Miene, die der Auftragskiller aufsetzt, wenn die Amoralität seines Umfelds ihn in cholerischen Hasstiraden entgegenschlägt, ist eine zeitgemäße Modulation der Maske des griechischen Theaters. Sie entkleidet den Akteur seiner Individualität und macht ihn zum Sinnbild der Verzweiflung des Menschen am Menschen. Der maskenhafte Ausdruck auf dem Gesicht des Mörders, der noch der moralischste unter den abgestumpften Gestalten ist, wird zur Folie für die unbeherrschten obszönen Ausfälle seiner wechselnden Gegenüber. Sie personifizieren abyssische Frevel und sind zugleich der Chorus, der Stratos für dessen verbliebenes Anstandsempfinden anklagt. In einer verkommenen Welt scheint ethisch Denken wie absurde Selbstschädigung. Doch Stratos, der Profi, kann und will seinem Schicksal nicht ausweichen. Er ist der kleine Fisch des Originaltitels To Mikro Psari, gefangen in einem Netz aus Verderbnis, das den in einer Randbemerkung erwähnten Ethos unmöglich macht: „wie Menschen in Würde leben.“

 

 



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