KRITIK

The Wrestler

The Wrestler „Ich dachte immer, Wrestling sei nur Fake“, sagt die Stripperin Cassidy einmal, aber da kann Randy „The Ram“ Robinson, wie er es gewohnt ist, mit seinem Körper dagegenhalten. Er zeigt Cassidy die Narben, die ein Leben im Ring hinterlassen hat, woraufhin ihr ein Bibelzitat vom Schmerzensmann einfällt. Aber das hat sie nicht aus der heiligen Schrift, sondern aus dem Film „The Passion of Christ“ von Mel Gibson. Toller Film, schwärmt sie, „da prügeln sie Jesus zwei Stunden lang die Scheiße raus“. Randy lächelt, das ist die Sprache, die er versteht.

Mickey Rourke spielt diesen ruinierten Wrestler, diesen White Trash aus dem Trailerpark, der in den 80ern eine große Nummer war und heute bloß noch in drittklassigen Turnhallen vor dem harten Kern der Fans kämpft. Mit einer Entgrenzungsbereitschaft, die einem den Atem verschlägt. Von seinem Comeback ist nun überall die Rede, aber Rourke war ja nie fort, das Publikum hatte sich bloß von ihm abgewendet, und die in Hollywood hatten ihn erst recht abgeschrieben. Vor allem in diesem Punkt scheinen sich nun Rolle und Schauspielerbiografie zu überlagern: Randy hat nichts anderes gelernt, als im Rampenlicht zu stehen, und mehr noch als von Steroiden, Alkohol und Aufputschmitteln, ist er davon abhängig, dass irgendwer ihm zusieht. Was ist ein Heroinentzug gegen das Geräusch verklingenden Applauses?

Regisseur Darren Aronofsky, der schon in seinem furiosen Drama „Requiem for a Dream“ die Untiefen des amerikanischen Traums ausgelotet hat, erzählt hier von Menschen, die ihre Haut zu Markte tragen und feststellen müssen, dass der Preis sinkt. Randy ebenso wie die in die Jahre gekommene Cassidy, die Marisa Tomei mit schönem Trotz ausstattet. Und nicht von ungefähr landet der Wrestler, als ein Herzinfarkt seine Karriere zu beenden droht, als Verkäufer an der Fleischtheke.

Die Welt des Wrestlings ist bevölkert von Kerlen, die ein überlebtes Männlichkeitsideal verkörpern, das höhnische Zerrbild des Selfmade-Man – in einer der komischsten und zugleich brutalsten Szenen prügeln sich Randy und sein Gegner mithilfe eines Arsenals an Heimwerkerbedarf. Und doch ist diese Wrestling-Community nicht nur Freakshow, sondern auch altmodisches Travestie-Theater mit bizarr-eleganten Choreografien und eigenen Ehren-Codices. Aranofsky findet in diesem Milieu keine Rocky-Geschichte.

Und doch steht am Ende ein Triumph: die Tatsache, dass Randy noch lebt.



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INHALT

Randy "The Ram" Robinson ist ein Gladiator des Pop-Zeitalters. Als Wrestler feierten ihn früher die Fans in ganz Amerika. Doch der Preis dieses Ruhms war hoch: Der Star von einst ist ein Wrack, er hält sich mit Billigkämpfen für seine letzten, unverbesserlichen Anhänger über Wasser. Selbst mit der üblichen Dosis an Steroiden lässt sich der körperliche Verfall nicht mehr aufhalten. Nach einem Herzanfall erkennt Randy endlich die Grenzen dieser Existenz: Der Einzelgänger nimmt Kontakt zu seiner lang entfremdeten Tochter Stephanie auf, findet in der Stripperin Cassidy eine Seelengefährtin und wagt die ersten Schritte in ein gewöhnliches Berufsleben.
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Eure Kritiken zu The Wrestler

  1. Udo

    Mit zuviel Begeisterung und Superlativen sollte man immer vorsichtig sein, hier sind sie aber angebracht. Der Film von Aronofsky ist ein Meisterwertk. Und man sollte den Film unbedingt im Kino sehen, um die grandiose Leistung von Rourke auf der großen Leinwand staunend betrachten zu können!

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