KRITIK

The Wolf of Wall Street

Bild (c) Paramount Pictures

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Drei Stunden Exzess – so lässt sich am ehesten zusammenfassen, was Regie-Altmeister Martin Scorsese fünf Jahre nach dem Banken-Crash auf die Leinwand loslässt. Grundlage ist die Autobiografie eines 1998 verurteilten (und nach knapp zwei Jahren wieder auf freien Fuß gesetzten) Milliardenbetrügers von der Wall Street: Jordan Belfort ist der Prototyp jener moralbefreiten, gierigen, triebgesteuerten Börsenzocker, deren Unwesen die Finanzwelt (und nicht nur die) zehn Jahre später in den Beinahe-Kollaps führte.

Leonardo DiCaprio ist zum fünften Mal Scorseses Hauptdarsteller. Für den entfesselten Irrwitz, mit dem er Belfort verkörpert, wurde er mit dem Golden Globe belohnt. Über weite Teile des Films sieht man ihm und seinesgleichen beim Konsumieren von Drogen, Partymachen und ausgiebig beim Sex zu. Es wird mit Zwergen geworfen und Kokain in Körperöffnungen geblasen, und natürlich ist das, was Scorsese hier inszeniert, mit rasender Kamera, drogeninduzierten Zeitlupen und desorientierendem Stakkato-Schnitt, vor allem eine einzige Übertreibung.

Darauf deutet schon der narrative Kniff hin, den Exzess vom Protagonisten selbst erzählen zu lassen. Belfort fing als kleiner, damals schon gemeiner Makler im New Jersey der späten Achtziger an, trickste sich dann in Windeseile zur großen New Yorker Hausnummer empor und kam irgendwann im dauergeilen Olymp jener Konsumkapitalisten an, denen die Dollars reiner Selbstzweck sind und die lückenlose Bedürfnisbefriedigung das einzige Ziel: nächstes Mädchen, nächster Trip, nächste Multimillion. Ethische Überlegungen existieren in diesem Kosmos nicht. Und damit auch kein Zweifel und kein schlechtes Gewissen.

Bild (c) Paramount Pictures

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Scorsese ist von einigen US-amerikanischen Filmkritikern vorgeworfen worden, er schaffe zu wenig Distanz zum Treiben seiner Protagonisten – unter denen Matthew McConaughey als Börsenhai und Jonah Hill als Belforts bester Kumpel hervorstechen. Belfort komme zu sympathisch rüber, das Justizdrama am Schluss sei zu milde. Es ist die gleiche Sorge, die schon die Kritiker von Oliver Stones „Wall Street“ umtrieb: Dass man der Faszination dieser fragwürdig handelnden Menschen erliegen könnte.

Aber einmal ganz abgesehen davon, dass Martin Scorsese es noch nie im Sinn hatte, moralische Lehrstücke über den Hochmut vor dem Fall zu inszenieren, braucht es doch einiges an Ignoranz, um hinter diesen drei Stunden Maßlosigkeit nicht die Wut des Regisseurs zu spüren – auf die grenzenlose Menschenverachtung, die sich im Tun seiner Figuren offenbart. Sehenswert.

 

 

 



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Eure Kritiken zu The Wolf of Wall Street

  1. Tine

    Stimme dieser Beurteilung zu, wollte ihn eigentlich nicht sehen, habe mich überreden lassen udn es nicht bereut. Leider kann man hier immer noch keine Sterne vergeben, irgendwas ist da kaputt.

  2. Tine

    ha, kaum gejammert, schon klappt es, schön 🙂

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