KRITIK

The Tree of Life

Filmplakat The Tree of Life

Filmstart in D: 16.06.2011

Zwei Ereignisse haben das diesjährige Festival de Cannes über alle Maßen geprägt. Und es ist frappant, wie diametral entgegengesetzt sie sich zueinander positioniert haben. Zum einen natürlich die “Nazi”-Affäre um Lars von Trier, dessen eindrucksvoller Wettbewerbsbeitrag “Melancholia” über die eskalierende Pressekonferenz ins Hintertreffen geriet, wenngleich das Apokalyptische des Films sich auf gewisse Weise in die entrückte Realität der Zirkuswelt von Cannes verlängerte. Der geliebte Ziehsohn des Festivals als Persona Non Grata – damit lag zur Mitte der zweiten Festivalwoche ein wenig Endzeitstimmung über der Stadt, und der Vollmond erhob sich träge aus dem Mittelmeer, als wolle er wie der Planet Melancholia im gleichnamigen Film eine Kollision provozieren.

Auf der anderen Seite schließlich “The Tree of Life”, Terrence Malicks fünfte Regiearbeit in 40 Jahren, ebenso heißersehnt wie langerwartet wie mehrfach als unfertig verschoben. Zwei Tage vor dem von-Trier-Spektakel war es schließlich so weit, die Erwartungen mittlerweile so hochgeschraubt, dass er fast nur enttäuschen konnte. Ein solch abschließendes Urteil kann ich mir nach dem erstmaligen Schauen allerdings gar nicht erlauben, die Einordnung des Gesehenen fällt auch Tage später noch schwer. „The Tree of Life“ entzieht sich herkömmlicher und gewohnter Erzählstrukturen, ist zugleich riesig groß und sehr intim, ebenso poetisch wie erratisch. Der Begriff der filmischen Symphonie charakterisiert ihn möglicherweise am treffendsten; das Tempo der verschiedenen Teile von Malicks Komposition variiert gleichermaßen wie die Größe der durchweg brillanten Bilder und ihr Arrangement.

Nichts weniger als die Evolution der Welt gehört zu den Themen des Films, in einem rund zwanzigminütigen Bilderrausch zwischen Urknall und Dinosauriern, und sie bildet den Resonanzkörper für eine fast universelle Familiengeschichte aus dem Amerika der 1950er. Über weite Strecken konsequent aus der jugendlich-ungestümen Perspektive des heranwachsenden Jack erzählt, der sich an seinem strengen Vater reibt und in der Güte der Mutter Halt findet. In diesem Hauptteil gelingen “The Tree of Life” einige berührende Momente von bestechender Schönheit und Klarheit. Den evolutionären, philosophischen und religiösen Überbau des mit der Goldenen Palme prämierten Films zu entschlüsseln ist jedoch eine Aufgabe, die mindestens ein wiederholtes Schauen erfordert.



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INHALT

USA in den 50ern. Die Familie O`Brien drei Söhne. Unter den Fittichen der Mutter wachsen sie zunächst behütet auf, doch der Vater glaubt, sie auf die Härten des Lebens nur vorbereiten zu können, indem er sie mit entsprechend harter Hand von Kindern zu Männern macht. Er raubt ihnen die Unschuld, schlägt tiefe Wunden, die Jack, den ältesten Sohn, auch als Erwachsenen noch Schmerzen zufügen: Es will ihm nicht gelingen, seine Existenz in Einklang zu bringen.
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