KRITIK

The Tree

The Tree Life is a force of nature. Wenn es um Tod und Trauerbewältigung in Spielfilmen geht, bedarf es eines zurückhaltenden Gestus. Zu viele Regisseure tappen allzu gerne in die Esoterik-Kitsch-Falle. Zuletzt der große Peter Jackson mit seinem Flop „The Lovely Bones“ (2009) oder einige Jahre zuvor Vincent Ward mit seinem Rührstück „What Dreams may come“ (Hinter dem Horizont, 1998). Für ihren zweiten Spielfilm hat sich die Französin Julie Bertucelli ausgerechnet den Judy Pascoe Bestseller „Our Father who Art in the Tree“, der auf Deutsch den banalen Titel „Erzähl mir, großer Baum“ trägt, ausgesucht. Es ist die Erzählung einer Achtjährigen, die den Tod ihres Vaters betrauert. Eine mutige Wahl. Schließlich liegt die Gefahr, auch hier unter der Last der Symbolik zu zerbrechen oder unter einem animistischen Furor zwischen Pathos, Fantasy und Kinderaugen-Kitsch den Faden zu verlieren auf der Hand. Siehe Peter Jackson, Vincent Ward und Co.

Hätte, wäre, wenn ….. So viel darf man vorweg nehmen: Nichts dergleichen passiert. Mit beachtlicher Reife und der hervorragenden Charlotte Gainsbourg an ihrer Seite findet Julie Bertucelli den richtigen Grat zwischen Trauerdrama und Kinderphantasie. Die Adaption des Bestsellers gelingt. Auch weil sie der Erzählung von Judy Pascoe, die mit ihr zusammen das Drehbuch zum Film schrieb, eine weitere Perspektive hinzufügt. Die Französin erzählt die Geschichte der Familie O´Neil in Australien nicht nur aus Sicht de achtjährigen Simone (großartig: Morgan Davies), sondern auch aus Sicht der Mutter. Es wäre demnach dumm, diesen Film als Kinderfilm zu bezeichnen.

In der Eröffnung lernt man zunächst den liebevollen Vater O´Neil (überzeugend: Aden Young) kennen, der als Transportunternehmer durch das große Land reist. Die insgesamt sechsköpfige Familie besitzt ein wunderschönes Haus an einem Hang in Queensland. Simone, zweitjüngster Spross der glücklichen Eltern Dawn (Charlotte Gainsbourg) und Peter ist eine aufgeweckte Achtjährige und der ganze Stolz des fürsorglichen Vaters. Als dieser durch einen Herzinfarkt den Tod über die Familie bringt, setzt bei allen eine Schockstarre ein, die Simone und ihren jüngsten Bruder besonders hart trifft.

Doch Simone ist davon überzeugt, dass ihr Vater in dem mächtigen Feigenbaum vor ihrem Haus weiterlebt und über die Familie wacht. Der Baum wird mehr und mehr ihr Zufluchtsort. Als sich mehrere Monate später zwischen Mutter Dawn und ihrem neuen Arbeitgeber George (Marton Csokas) eine wachsende Nähe entwickelt und der Baum zum Problem wird, setzt Simone alles daran, um den großen Feigenbaum und die Familie zu retten. Ganz zum Ärger ihrer Mutter, die ihre neue Liebe nicht verstimmen will.

Weniger talentierte Regisseure hätten aus diesem Bestseller einen mittelmäßigen Kinder-Fantasy-Eso-Film gemacht. Doch Julie Bertucellis Adaption widersteht diesen Gefahren und bleibt mit ihrer behutsamen Schauspielführung bemerkenswert realistisch und psychologisch sehr komplex in der Gleichzeitigkeit von Verarbeitung und Verdrängung. Die Entscheidung, ob tatsächlich ein Geist im beeindruckend majestätischen Feigenbaum wohnt, überlässt Bertucelli dem Betrachter. Sie findet die richtige Distance und auch die richtige Balance sowie verstörend schöne Bilder. Ein beeindruckender Film für die ganze Familie.



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INHALT

Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters teilt die achtjährige Simone ein kostbares Geheimnis mit ihrer Mutter Dawn. Das Mädchen ist überzeugt, dass ihr Vater in dem mächtigen Feigenbaum vor ihrem Haus weiter über die Familie wacht, dass er ihr auf magische Weise durch die raschelnden Blätter zuflüstert. Als sich zwischen Dawn und ihrem neuen Arbeitgeber George eine wachsende Nähe entwickelt, verbringt das Mädchen immer mehr Zeit hoch oben in den Ästen. Und es scheint, als würde sich der Baum mit der eifersüchtigen Simone solidarisieren. Bald kommt es zu einer Kraftprobe zwischen Mensch und Natur, zwischen Mutter und Tochter.
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