KRITIK

The Social Network

The Social Network Nicht nur Bücherwürmer, auch Filmliebhaber mögen sie, die Biographien. Sei es in Wort und Schrift oder als sog. „Biopic“ in bewegten Bildern. Filme wie „Gandhi“ (USA, 1982), „Larry Flint“ (USA, 1996), „Frida“ (USA, 2002), „Ray“ (USA, 2004) oder vielleicht auch das (nur in Ansätzen den Kriterien eines Biopics entsprechende) Meisterwerk „Citizen Kane“ (USA, 1942) gehören in jede gut sortierte Sammlung.

Eine zwingende Voraussetzung für die Verfilmung eines Lebens ist die „Fallhöhe“ der Figur. Hier spielt es keine Rolle, ob die Figuren gesellschaftlich von „ganz unten“ kommen und es „nach ganz oben“ schaffen (häufig KünsterlerInnen- und Sportlerbiographien), den umgekehrten Weg gehen oder ihr Leben ein erwähenswertes und vielleicht unterhaltsames Auf-und-Ab ist. Eine steile, im besten Fall noch steinige Karriere ist jedoch das A und O eines guten Biopictures.

Basierend auf diesem filmischen Grundsatz müsste „The Social Network“ von David Fincher die Quintessenz eines guten Biopics zum Ausgangspunkt haben. Denn eine steilere Karriere als die des „Facebook“-Gründers Mark Zuckerberg hat es in den letzten Jahren im US-Business nicht gegeben. Mit gerade mal 26 Jahren ist der Programmier-Profi aus New York ganz oben angekommen. Sein Vermögen wird in 2010 auf 6,9 Milliarden US-Dollar geschätzt. Willkommen im 21. Jahrundert, willkommen im sog. „IT-Zeitalter“.

Der Fokus des Films über Mark Zuckerberg liegt vom Zeitpunkt kurz vor seiner Idee zur Gründung eines sozialen Netzwerkes bis zur Eine-Millionen-User-Schallmauer von Facebook. Regisseur David Fincher stellt seine Hauptfigur als modernen Raubritter und Nerd vor, als jungen Studenten, technisch höchst begabt, ehrgeizig aber persönlich ziemlich kalt und politisch desinteressiert.

Die Frage, die der Film nach wenigen Minuten in den Raum stellt: Ist Mark Zuckerberg wirklich so? Private Details über den Facebook-Gründer kann es nicht geben, weil Zuckerberg bis kurz vor Ausstrahlung des Films in den USA öffentliche Auftritte mied wie der Teufel das Weihwasser. Das Drehbuch von Aaron Sorkin, basierend auf Ben Mezrichs Roman „Milliardär per Zufall“ liefert mehr Fiktion als Wahrheit. Das hatten alle Verantwortliche immer wieder betont. Mit Bekanntwerden der Verfilmung des Buches von Mezrich ließ Zuckerberg verlauten, dass Mezrichs Ausführungen „nicht im geringsten der Realität entsprächen“. Jeder Versuch einer Werbeplatzierung von Finchers „The Social Network“ auf Facebook wurde unterbunden.

Da über sämtliche Vorgänge, wie auch im Film zu sehen, Stillschweigen vereinbart wurde, sind alle Ereignisse nicht nachprüfbar. Aaron Sorkins Filmfigur (überzeugend egozentrisch verkörpert von Jesse Eisenberg) kann also nur als ein Archetyp eines erfolgreichen Nerds gesehen werden. Nicht mehr und nicht weniger. Mit „Du bist ein Arschloch“ aus dem Mund von Zuckerbergs Uni-Freundin Erica (Rooney Mara) gibt Aaron Sorkin gleich mit der ersten Szene die emotionale Sumpftiefe, oder, ganz wie man will, die elitär dünne Lufthoheit vor, auf der sich der Zuschauer in den nächsten 120 Minuten bewegen wird. Alles was zählt ist Erfolg und Ansehen. Zuckerbergs Antrieb sei ausschließlich die Aufnahme in einem elitären Uni-Club gewesen, heißt es weiter; als wenig später seinem Freund und Zimmerkollegen Eduardo (herausragend: Andrew Garfield) die Aufnahme in diesem elitären Club gelingt, wird ihm Zuckerberg diese Niederlage am Ende bitter rächen.

Zum Filmstart gibt es allein in Deutschland über 10 Millionen volljährige Facebook-Nutzer, über 500 Millionen sollen es weltweit sein. Facebook ist dieser Tage an der Börse mit einem Wert von 25 Milliarden Dollar notiert, das erste Facebook-Telefon wird entwickelt und Facebook-User können neuerdings ihren aktuellen Aufenthaltsort auf ihrem Profil veröffentlichen. Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte. Und was macht der Gründer Mark Zuckerberg auf dem Gipfel seines Erfolgs? Im Film zuckt er mit seinen Mundwinkeln, Anzeichen von Freude sollte der Zuschauer selbst in die Figur hineininterpretieren, Mark Zuckerberg sitzt an seinem Laptop. Fast 120 Minuten lang tut er nichts anderes.

David Fincher, mit Filmen wie „Sieben“, „Fight Club“ oder „Zodiac“ ein allseits anerkannter Meister seines Faches, zieht nicht, wie erwartet, alle Register seines Könnens. Vergeblich wartet man beispielsweise auf seine atemberaubenden Kamerafahrten („Fight Club“), auf die Split-Screens („Zodiac“) oder Licht- und Schattenspiele („Se7ven“). Fincher bebildert diese schnell erzählte College-Anekdote als Rückschau. Der inzwischen milliardenschwere Zuckerberg sitzt im legeren Outfit vor Gericht. Sein Freund Eduardo Saverin (im Anzug) hat ihn verklagt. Letzterer lieh Zuckerberg das Startkapital für Facebook, wurde später als Teilhaber aber ausgebootet. So viel zum Rachefeldzug und zur über 120 Minuten analysierten Egozentrik der Hauptfigur.

In der hohen, dünnen Luft oder emotionalen Tiefe des Geschehens, je nachdem wie man es sehen will, verkümmern sämtliche Rand- und Nebenfiguren zu Witzfiguren. Dazu gehört auch ein Brüderpaar namens Wankelvoss, elitär, schnöselig und hinterwäldlerisch. Alle Weggefährten wollen letztendlich am Erfolg partizipieren (Groupies, „Napster“-Gründer Sean Parker (Justin Timberlake). Am Ende werden sie großzügig entschädigt.

Der Countdown („schon 968 User, schon 1900 User,..“) dieser eindimensionalen Charakterstudie endet mit dem 1.000.000 User. Toll, sagt sich der Zuschauer und die Zuschauerin vor der Leinwand und später vielleicht zuhause vor dem Fernseher. Und jetzt? Ein packendes Biopic sieht anders aus, es fühlt sich irgendwie anders an. Und vielleicht wird der ein oder andere Zuschauer wenig später wieder zum User. Er wird sich möglicherweise an den PC setzen und nachschauen, was es neues bei Facebook gibt. „Der Film war gut“! – Gefällt mir! Klick! Eine Information, so wert-voll wie dieser Film.

 

 

 



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INHALT

Es ist ein vermeintlich ganz normaler Herbstabend des Jahres 2003 in Harvard, als sich der unscheinbare Student Mark Zuckerberg, ein regelrecht begnadeter Computerprogrammierer, hinsetzt, um an einer neuen Idee zu feilen. Er erschafft das soziale Netzwerk Facebook, das binnen kürzester Zeit ein Sensationserfolg wird, eine Revolution in Sachen Kommunikation. Sechs Jahre später ist Zuckerberg der jüngste Milliardär der Welt - und hat nicht nur Fans: Mitstudenten wollen etwas vom Kuchen abhaben, weil sie die Idee zu Facebook vor Zuckerberg gehabt haben wollen.
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Eure Kritiken zu The Social Network

  1. Udo

    Spannende Inszenierung, atmosphärisch dicht mit einem herausragenden Darsteller, für mich ist das einer der besten Filme des Jahres.

  2. Simon

    Also ich fand den Film sehr spannend.

  3. Sarumam

    Nein, den Film muss man nicht unbedingt sehen. Soziopathischer Nerd hat eine gute Idee und wird damit reich. trotz der guten Schauspieler ein nur durchschnittlicher Film.

  4. tine

    es ist soviel dazu geschrieben worden, daher von mir nur kurz der erste gedanke nach dem film: dieser film wird noch in einigen jahren als spiegelbild der jugend des 21.jahrhunderts gelten. zitat gestern eines vielleicht 18 jahre alten mädchens vorm kino: „der film ist SO geil, den habe ich schon ein paarmal gesehen!“

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