KRITIK

The Shallows – Gefahr aus der Tiefe

Bild (c) Sony Pictures Releasing GmbH.

Bild (c) Sony Pictures Releasing GmbH.

Die meisten Filmfans werden Hai-Angriffe hoffentlich nur aus den Nachrichten kennen. Was vielen unbekannt ist: Hai-Attacken finden in erster Linie in 2 Meter Wassertiefe statt. Sogar in knietiefen Salzgewässern kann man sich als Hai-Phobiker, auch Selachophobiker genannt, nicht sicher sein. Zwei Informationen, die für sich genommen jeweils gruseliger sind, als alles was Jaume Collet-Serras Thriller „The Shallows“ in 86 Minuten bietet. Von Blake Livelys Gesichtsfarbe einmal abgesehen, wenn die Rechenkünstler in Serras Team diese auf den Körper von Stuntfrau Isabella Nichols pixeln und ihr Gesicht dort einen ungesunden, grünlichen Schatten annimmt.

Wie schon „Die Tiefe“, die sauerstoffarme Adaption des Peter Benchley Reißers aus dem Jahr 1977, der in erster Linie durch den Anblick von Jacqueline Bisset im nassen Shirt unsterblich wurde, versucht sich der Spanier Collet-Serras hier deutlich passender mit seinem „Die Untiefe“ (The Shallows) betitelten Film erneut am Plot: attraktive Schauspielerin in Gefahr. Als sexy Alternative zu den Protagonisten von beispielsweise „All Is Lost“ (Redfort war einfach zu alt) oder „Life of Pi“ (Sharma war schlichtweg zu jung) präsentiert sich Lively als einsame Kämpferin mit perfektem Körper. Sie ist eine junge Medizinstudentin, die im Überlebenskampf auf einen großen Weißen Hai tifft – nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Zwar versucht das Drehbuch von Anthony Jaswinski dabei zu begründen, dass Nancy den Kampf nur Dank ihrer Intelligenz übersteht, es baut aber wenig verdeckt vordergründig auf ihren perfekten Beachbody im Bikini.

Szene_The_Shallows_3Auch wenn die US-Schauspielerin in erster Linie aufgrund ihres Bekanntheitsgrades und ihrer physischen Erscheinung die Rolle erhielt, so gelingt es ihr dennoch, eine überzeugende Heldin zu verkörpern. Ein wenig Tiefe erhielt ihre Figur, indem ihr das Drehbuch vorgibt, eine ganz persönlichen Tragödie zu verarbeiten und deshalb nun ein wenig Zeit alleine verbringen zu wollen. Als passenden Ort dafür wählt Nancy den Lieblingsstrand ihrer verstorbenen Mutter in Mexiko. Der ist anscheinend so geheim, dass er sich ziemlich offensichtlich nicht in Mexiko, sondern im australischen Queensland befindet. In den meisten Fällen nimmt man auf eine derartige Trauerbewältigungsreise die Asche des Verstorbenen oder ein zumindest ein Erinnerungsstück mit; Nancy jedoch benötigt nur ihr Surfbrett und ein Smartphone.

Letzteres liefert für die weitere multimediale Ausschlachtung des Plots die Cross-Promotion für das neue High-Tech Gizmo von Sony. Erschreckend wie so oft auch hier: Wie in den meisten Horrorfilmen unserer Zeit ließe sich das Dilemma mit einem Anruf erledigen. Schauderhaft ist wahrlich nur unsere Unselbstständigkeit.

Dummerweise lässt Nancy jedoch ihr unglaublich stylisches Schweizer-Armee-Telefon am sicheren Ufer liegen und schwimmt ohne dieses hinaus – ein fürwahr schönes Fleckchen Erde übrigens. Collet-Serra und sein Kamerateam (darunter Dwayne Fetch) gönnen dem Zuschauer ein paar traumhafte Hang-Ten Montagen und ein paar lockere Moves von Nancy – zusammen mit ihren beiden unbenannten mexikanischen Begleitern. Erstere ist leider etwas abstrakt zusammengeschnitten. Einer der Letzteren manövriert dafür seinen GoPro bestückten Helm nur wenig später direkt zwischen die Zahnreihen des Antagonisten – eines großen Weißen Hais.

Szene_The_Shallows_2Ende des ersten Akts wird schnell deutlich, dass das Alleinsein nicht so läuft wie es sollte. Collet-Serra hatte anscheinend zu wenig Zeit mit der Recherche übermächtiger Genre-Vorbilder vom Format Spielberg und Co. verbracht. Erkennbar wird dabei nicht nur der Unterschied, den beispielsweise John Williams gegenüber dem spannungsarmen, sehr digitalen Score von Marco Beltrami macht. Die Hintergrundklänge von Beltrami erinnern erstaunlich oft an ein defektes Sonargerät. Colett-Serra scheitert letztendlich nicht nur am gruseligen Shot aus Sicht des Hais, sein Film gerät schon weit davor ins Wanken. Als Nancy zum ersten Mal den Strand erreicht, fällt ihr die Kinnlade herunter. Anstatt uns mit ihrem Blick in den Bann zu ziehen und diesen auf den Zuschauer Wirken zu lassen, vielleicht um diesen Shot im Schrecken erneut zu zitieren, schneidet Editor Joel Negron zu einem Fly-Over über die komplette Bucht. Nicht nur im sprichwörtlichen Sinne ein bildlicher Boardbruch.

Und dann wäre da noch dieses Gefühl, unablässig ein Betrachter eines Werbevideos zu sein: Für einen Urlaub an tropischen Gestaden, oder für ein neues Sony Smartphone, oder auch für ein Date mit Blake Lively. Die Verwandtschaft zum Hochglanz-Commercial ist viel zu eng. Die Kamera hängt genau auf Brusthöhe, als Nancy ihr Shirt aufzieht und den grell-leuchtenden Bikini in Orange entblößt, sie akzentuiert schamlos ihre Kurven, als die Heldin hinaus in die Bucht paddelt, um ihrem Schicksal zu begegnen. Fast so, als wolle man dem Betrachter die Frage stellen was eigentlich bedrohlicher ist: Der gierige Blick der Zuschauer oder der Hai. Die Antwort folgt postwendend im einzig erschreckenden Moment des ganzen Films. In diesem erscheint der Schatten des riesigen Raubfisches im Kontrast zur letzten Welle, die Nancy reiten wird. Hier muss ganz kurz das Badehäubchen gelüftet werden vor diesem Zitat: Wie in Hitchcocks „Psycho“ sich das Messer vorm Duschvorhang erhebt, zeichnen sich rasierklingenscharfe Zähne in Haiform als unheilvoller Eindruck ab. Allerdings wirklich nur ganz kurz.

Szene_The_ShallowsDiese Begegnung hinterlässt eine üble Wunde in Nancy Bein. Sie reagiert trotz der Verletzung schnell und entgeht so dem Schicksal derer, die es wagten, ins Jagdgebiet des Hais zu schwimmen. So ergeht es außer ihr nur einer einsamen Möwe. Über den Verlauf der verbleibenden 60 Minuten bleibt letztere Nancys einzige Gesellschaft. Gemeinsam finden sie Zuflucht auf einer kleinen felsigen Insel (Nancys erster Aufenthaltsort war sichtlich dumm gewählt, dies sollte jedem Youtube- und Krasse-Video-Gucker klar sein), kümmern sich um ihre Wunden und snacken kleine Krebse, während sie hoffen, nicht selber zwischen hungrigen Kiefern zu landen. Für Zuschauer mit einer großen Portion Spiritualität lässt sich in dieser Szene durchaus die Hilfe der verstorbenen Mutter hineindeuten, die zu ihr geschickt wurde, in diesem Augenblick der Verzweiflung über Tochter Nancy zu wachen.

Darüber hinaus bleibt „The Shallows“ reine Abwicklung. Action trägt die Narrative und das Publikum darf aus Nancys Gedankengängen ableiten, wie sie mit den gegebenen Umständen umgeht. Im finalen Akt reißt dann auch noch der logische Halt wie die rostige Kette der einsamen Bucht-Boje im Film. Die Beobachtung von Nancys Problemlösungen könnten sich vielleicht noch als hilfreich erweisen, so sich ein Kinogänger einmal in einer ähnlichen Situation befindet. Wobei „The Shallows“ mehr Leben dadurch retten dürfte, vermeintliche Wassersportler von flachen Buchten abzuschrecken.

 

 

Kritikerspiegel The Shallows - Gefahr aus der Tiefe



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
3.5/10 ★★★½☆☆☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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