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The Secret Man

Plakat-zum-Film-The-Secret-Man-mit Darsteller-Liam-Neeson-an-Schild-angelehnt.

Bild (c) Wild Bunch / Central 2017.

Im US-politischen Klima des jungen 21. Jahrhunderts, in dem ein Skandal den nächsten jagt, hat die Realität die Fiktion längst eingeholt. Auf kaum einen anderen Skandal trifft dies wohl deutlicher zu als auf den berühmten Watergate-Fall: Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Richard Milhouse Nixon ließ seine Untergebenen in die Wahlkampfzentrale der demokratischen Partei einbrechen. Ein Skandal, der noch sehr viel mehr Enthüllungen nach sich zog. Dunkle Geheimnisse, die vom Journalisten-Duo Carl Bernstein und Bob Woodward aufgedeckt wurden, was in investigativer Detailtreue bereits nüchtern-journalistisch von Regisseur Alan J. Pakula mit Robert Redford und Dustin Hoffman in den Hauptrollen in dem Polit-Thriller „Die Unbestechlichen“ (1976) kongenial verfilmt wurde.

Die Identität des Informanten, nur kurz und mysteriös „Deep Throat“ genannt, der die beiden Reporter nachts in einer Tiefgarage mit notwendigen Informationen versorgte, war damals noch unbekannt. Erst 2005 wurde der Name dieser essentiellen Quelle in einem Vanity Fair Artikel namens „Deep Throat“ aufgedeckt. Der ehemalige FBI-Mitarbeiter Mark Felt präsentierte sich einer überraschten Welt. Über ein Jahrzehnt später hat Drehbuchautor und Regisseur Peter Landesman („Parkland – Das Attentat auf John F. Kennedy“, „Erschütternde Wahrheit“) dessen wahre Geschichte erzählt.

Szene-aus-dem-Film-The Secret Man-mit Liam-Neeson-in-einer-Telefonzelle.Nachdem der amtierende FBI-Direktor J. Edgar Hoover im Mai 1972 verstirbt, hofft sein Vize Mark Felt (Liam Neeson), dessen Nachfolge antreten zu können. Nicht nur hat der FBI-Karrierist sein ganzes Leben der Behörde gewidmet und fast seine Ehe dafür geopfert, er kennt auch die tiefsten Staatsgeheimnisse, die Hoover sammelte, um sich unter anderem seine Machtposition zu sichern. Felt sorgt auch nach dem Ableben seines umstrittenen Bosses dafür, dass diese sensiblen Informationen nicht in Regierungshände fallen. Allerdings muss er sich bald noch mit anderen Problemen herumschlagen.

Denn anstatt künftig selbst die Chefposition zu bekleiden, wird ihm von Präsident Nixon der stellvertretende Generalstaatsanwalt L. Patrick Gray (Marton Csokas) vor die Nase gesetzt. Ein ehemaliger Navy Offizier, der vor allem seinem Präsidenten zur Loyalität verpflichtet ist. Für eine Behörde, die eigentlich unabhängig von der Exekutive agieren soll, durchaus problematisch. Felt fühlt sich nicht nur persönlich übergangen, auch sein Pflichtgefühl gegenüber seinem Land steht auf dem Prüfstand. Seine Ermittlungen im Fall Watergate werden immer wieder vom neuen FBI-Chef behindert. Dieser scheint seine Befehle wiederum direkt vom Präsidenten zu erhalten.

Szene-aus-dem-Film-The-Secret-Man-Liam-Neeson-im-Kopierraum.Natürlich sind Parallelen zu den heutigen Ermittlungen des FBIs und anderen behördlichen Organen nicht geplant, schließlich liegen Drehbuch, Produktion und der zugrundeliegende Jahrhundertskandal eine Weile zurück, bevor der ganze Trump-Wahnsinn seinen Anfang nahm. Somit ist aber der Reiz, den das Politdrama verströmt zwar reiner Zufall, basiert aber letztendlich einmal mehr auf der Regel, dass sich Geschichte scheinbar immer öfter wiederholt. Davon abgesehen gelingt es Autor und Regisseur Landesman trotz all seiner Mühen leider kaum, dem Geschehen lang anhaltende Spannung zu verleihen.

Fast schon erzwungen verheimlicht „The Secret Man“ die beiden Reporter, die mehr oder weniger die Ermittlungen vorantrieben. Trotz des Fokus auf die Figur Mark Felt, findet Landesman kaum einen interessanten psychologischen Zugang zu seinem Hauptprotagonisten. Felts Manöver und Tricksereien, mit denen er Kollegen und Vorgesetzte umgeht, sind in ihrer Methodik recht spannender Thrillerstoff. Auch wenn sich Landesman immer wieder in ungelenken, expositionsgeladenen Dialogen verliert. Trotz dieser geballten Informationsdichte über Hintergründe und größtenteils ähnlich anmutende Personen in schwarzen Anzügen mit grau melierten Haaren, wird es Zuschauern, die weniger mit der jüngeren amerikanischen Geschichte vertraut sind, zunächst schwerfallen, einen Zugang zum Plot und vor allem zum Komplott zu finden. Der etwas bemühte Soundtrack und die unruhige Kamera verleihen dem Geschehen noch mehr Orientierungslosigkeit. Eine intendierte fiebrige Paranoia wird dadurch nicht vermittelt.

Felts Suche nach einer verschollenen Tochter und seine unglückliche Ehe soll der Hauptfigur offensichtlich mehr Menschlichkeit verleihen, wirken tatsächlich aber eher wie Zugeständnisse. Weder erzielt Landesman dadurch eine besonders emotionale Wirkung noch werden interessante Nebenaspekte über Felt und seine Familie aufgedeckt. Vielmehr wirken diese Nebenhandlungen aufgesetzt und plätschern letztendlich vor sich hin. Liam Neeson passt sicherlich gut in die Rolle des überlebensgroßen und augenscheinlich kühl kalkulierenden FBI-Hünen. Leider wird ihm wenig mehr als ein fundamentaler Sinn für Anstand zur Charakterskizze zur Verfügung gestellt. Ein facettenreicheres Spiel kann er dadurch auch hier nicht präsentieren. Der innere Konflikt zwischen dem vermeintlichen Verrat an seiner Regierung, seiner Behörde, seinen Kollegen und seinem eigenen moralischen Kompass kommt leider bestenfalls geringfügig zum Vorschein.

Das Politdrama behandelt die brisante Thematik gelegentlich einnehmend und solide, rafft die Ereignisse aber insbesondere zum Schluss hin, um das komplexe Geschehen vermutlich in ein mundgerechtes Kinoformat zu pressen. Erzählerischen Leerlauf kann Regisseur Landesman dennoch nicht verhindern. Die schauspielerischen Leistungen fallen angesichts der talentierten Besetzung ordentlich aus, eine besonders interessante oder ergreifende Performance ist jedoch unter allen Beteiligten nicht zu finden. Die Spannung im Familienleben, innerhalb der FBI-Behörde, zwischen FBI und der Exekutive reißt Landesman zwar an, kann sie aber nie vollständig in ihrer Dringlichkeit realisieren.

 

 

Kritikerspiegel The Secret Man



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

 



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