KRITIK

The Revenant – Der Rückkehrer

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Am Anfang bedrohliche Stille. Die Kamera erforscht das Terrain. Ein Mann schläft. Er hält ein Kind fest in seinem Arm. Dann ein Überfall, Feuer, eine Frau wird in Zeitlupe getötet. Das eben noch schlafende Kind brennt plötzlich am ganzen Leib. Hektik, Schreie in einer unbekannten Sprache. Schließlich erlöst uns die Kamera mit einem Schwenk in den graubraunen, qualmerfüllten Himmel. Immer wieder erscheint dem Trapper Hugh Glass diese Szene. Sie wird später, innerhalb dieses mehr als zweieinhalbstündigen Rachefeldzuges, noch öfter auftauchen. Fast genauso oft wie der Film selbst – beeindruckend in Szene gesetzt vom Kameramann Emmanuel Lubezki – an große Vorbilder aus der Abteilung der kolonialistischen Softpornos erinnert. Überwältigungsästhetik inklusive. Das unberührte, das unabarmherzige Land. Roh, kalt und brutal. Szenen aus Filmen von John Ford, Werner Herzog, Sidney Pollack und natürlich Terence Malick werden im cineastischen Großhirn geweckt.

Ob es am Kameramann Lubezki liegt, der seit 2006, also seit dem sehr ähnlichen „The New World“ die Gedankenwelten von Großmeister Terence Malick in Szene setzt? Oder am Ausstatter Jack Fisk sowie der Kostümbildnerin Jacqueline West, die Malicks Filme immer so toll, so natürlich aussehen lassen? Oder liegt es daran, dass eine Figur im Film von Malick … pardon im Film von Alejandro Gonzáles Inárritu ausgerechnet Fitzgerald heißt? Fitzgerald, Fitzcarraldo, … egal, Gedankenwechsel, es wird wieder still nach diesem Anfang, so still, dass das Knacken beim Entsichern des Gewehrs und ein fernes Knistern unter dem vorsichtigen Tritt auf einen dünnen Zweig wieder einmal das Herz des Zuschauers für den Bruchteil einer Sekunde gefrieren lassen. Ja, das kann er, der inzwischen mehrfach ausgezeichnete mexikanische Regisseur: Stimmung erzeugen.

Szene_The_RevenantUnd die Gefahr liegt auf der kalten Hand, sich davon einwickeln zu lassen. Denn zudem wird die Hauptfigur auch noch von Leonardo DiCaprio mit Trapper-Frisur und Zottelbart verkörpert. Ein Megastar, sechsfach-oscarnominiert, der genau wie sein Regisseur Stimmung(en) erzeugen kann. Vor allem, wenn er – wie hier – so laut nach einem Oscar schreit, dass jede Grizzly-Mutter in diesem unberührten, neuen Land fuchsteufelswild werden muss. Was sie auch tut. Und zwar nachdem Hugh Glass, dessen Geschichte nach einer wahren Begebenheit hier erzählt wird, auf den dünnen Zweig getreten ist. Nur hat Hugh Glass zu Beginn noch seinen Sohn an seiner Seite.

Aber Hawk (Forrest Goodluck in seinem Spielfilm-Debüt) muss natürlich sterben, weil Inárritu nach seinem großartigen, achtfach Oscar-prämierten „Birdman“ einen Trapperfilm machen wollte. Und in einem Trapperfilm geht es in erster Linie um eine Auseinandersetzung mit der Natur und mit sich selbst. Es geht in diesem Subgenre im Grunde immer um einen Anfang, um einen unwiderruflichen Beginn, der – soweit er auch zurückliegen mag – bis in unsere Tage nachwirkt. Dazu hat sich der Mexikaner mit dem Terence Malick-Team (siehe oben) für neun Monate in die kanadische Wildnis (und auch nach Patagonien) zurückgezogen, um seinen „magischen Realismus“ zu inszenieren, der alle seine Filme seit „Amores Perros“ auszeichnet.

Szene_The_Revenant_2Untermalt von den behutsamen, sinnlichen Klängen des Japaners Ryuichi Sakamoto soll es um Authentizität gehen. Und um diese zu erreichen, hat DiCaprio tatsächlich (als Vegetarier) rohe Bisonleber gegessen und ist in einen Tierkadaver geschlüpft. Einmal haucht er aus seinem verletzten Mund direkt in die Kamera. Das Objektiv läuft an… Natürlicher geht es nimmer. Ein Meisterwerk wäre dieser Film geworden, wenn sich Inárritu nicht einzig auf die Stilisierungen verlassen hätte, die nach und nach zu Manierismen veröden. Wenn er eine Geschichte zu erzählen gehabt hätte, die eine Spielzeit von 156 Minuten rechtfertigt. Wenn auf die meisterhafte Exposition ein Film gefolgt wäre, ohne dabei ständig eine ernervierende Erhabenheit zur Schau zu stellen.

Aber am Ende ist es dann doch „nur“ ein Überlebenskampf, um schließlich kurz vor Schluss dem Antihelden (einem schwer nuschelnden Tom Hardy) entgegen zu treten, der für die ganze Situation verantwortlich ist. Mann gegen Natur. Mann gegen Mann. So schlicht kann eine Formel für einen zweieinhalbstündigen Rachefeldzug lauten.

 

Kritikerspiegel The Revenant - Der Rückkehrer



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, triggerfish.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.



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Eure Kritiken zu The Revenant – Der Rückkehrer

  1. walter

    Zuerst das Positive: Die Kampf-Szene am Anfang – ungeschnitten – ist eine Meisterleistung! So noch nie dagewesen! Auch der Kampf mit dem Bären! Eine Sensation! Auch dass ohne künstlichen Licht gedreht wurde! Das läßt einen glauben, man würde mittendrin sitzen. Und hervorragend besetzt!!! Spitzenschauspieler!
    Jetzt das Negative: Ein unerträglicher Ami-Kitsch. Di Caprio ist ein guter aber offenbar kein intellektueller Schauspieler. Ein “Bauchschauspieler”, also ein dummer Schauspieler – Typ Lothar Mathäus um ein Beispiel aus dem Fußball zu bemühen – sonst hätte er sich nicht für dieses Antarktismärchen hergegeben. Seine ständige Schnauferei wird mit der Zeit unerträglich. In seinem Zustand hätte er schon nach einer halben Sunde den letzten Schnaufer tun müssen.
    In eisigem Wasser hat der Mensch bei normalem Köpergewicht maximal eine Überlebenschance von 10 Minuten, maximal! Der Körper reagiert sofort mit einem unkontrollierbaren Zittern, (er will damit Wärme erzeugen), die Zähne schlagen aufeinander, die Gesichtsmuskulatur erstarrt, man ist unfähig zu sprechen, geschweige denn kontrolliert zu Schnaufen! Zudem ist seine schwere Verletzung durch den Bärenangriff noch ganz frisch. In diesem Zustand überwindet unser “Held” sogar einen Wasserfall und taucht minutenlang unter!
    Nach Verlassen des Wassers gefriert die Kleidung sofort und bildet einen unbeweglichen Panzer, auch ein Bärenfell! Wenn man nicht sofort in einen warmen Raum gebracht wird, stirbt man durch erfrieren.
    Dann diese total unrealistische Szene, wenn er sich nackt auszieht und im Pferdekadaver übernachtet. Innerhalb kürzester Zeit sind sowohl er als auch der Pferdekadaver Eisklumpen.
    Di Caprios Spiel ist maßlos übertrieben. Schmierentheater! Er ist eine richtige Rampensau. Im Gegensatz zu seinen Mitspielern. An denen sollte er sich ein Beispiel nehmen. Im Film muss man nur denken was man spielt und nicht übertrieben spielen, was man denkt. Gute Schauspieler wissen das.

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