KRITIK

The Others

The Others (Wer hier liest, liest vom Plot … wer den kennt, wird den Film nicht so sehen, wie er gesehen werden muss)

Die Story von „The Others“ erscheint auf den ersten Blick simpel und als das, worauf das Marketing des Films baut – Nervenkitzel, Spannung, Schockeffekte; das alles zwar routiniert aber nicht sonderlich neu. Kostüme und Ausstattung sind ebenso solide gewählt wie die Mauern des kleinen Schlosses oder das Gewaber des ewigen Nebels, der sich erst am Schluss ein wenig hebt. Wehende Vorhänge sorgen weniger für Anspannung als eine gute Musik und eine Kamera, die im Close-Up Welten in den Gesichtern der überaus gut agierenden Darsteller zeigt: Hass und Verzweiflung, Angst und krankhafte Nervosität; welche letztere der teils anstrengenden Mutter Kidman fast allzu gut im hektischroten Gesicht steht.

Beinahe bis zur Hälfte des Films erzählt der Spanier Alejandro Amenábar nur eine Geschichte. Die Steigerungen ins erschreckende Dunkel der anderen Geschichte sind vorsichtig, beinahe unmerklich. Und Geplauder wie schöne Bilder lassen die Anspannung der Vorerwartung einschlummern. Dann aber kippt das Ganze – das schon das eine oder andere gemeinschaftliche Zusammenzucken im Kinosaal provozierte – in etwas nicht mehr recht Erklärbares ab. Zunächst sind es nur einfach gruselige Szenen wie Geräusche in Zimmern von Personen, die dort offensichtlich nicht sind. Oder die Musik eines Chopin-Walzers aus einem leeren Zimmer. Oder die Suche nach Gespenstern in einem Raum, in dem sämtliche Möbel verhängt sind und jegliche Berührung dieser unheimlichen Gegenstände in der Summe zu Panik führt. Oder die Abgeschiedenheit der Kleinen in riesigen, verlassenen Zimmern und so weiter. Ein Totenbuch mit Fotografien Gestorbener taucht irgendwo auf, dann ein Foto dieser Art im Dienstbotenzimmer, in das hineinzugehen jeden normalen Menschen schon grausen würde: die schmale Stiege hinauf, die Tür öffnen, es riecht förmlich nach abgestandener Dachstubenluft. Hier findet Grace ein Foto der drei Dienstboten, ein Totenfoto, das die drei gestorben zeigt bereits vor vielen Jahren. Mit einem Mal sind sämtliche Gardinen vor den Fenstern verschwunden oder auch der aus dem Nichts wiedergekehrte und andeutungsvoll schweigsame Ehegatte …

Bis kurz vor Schluss folgt man der Fährte des Gruselschockers und erwartete alles oder einen Irrtum oder etwas, das allein das Kino erfinden kann, erfinden darf. Doch so, wie es für Grace und die Kinder eine Offenbarung gewesen sein muss, so wird auch der Zuschauer mit einem Mal einer ganz unerwarteten Wahrheit gewahr: Die Anderen, das sind sie selbst auch. Grace und ihre beiden hübschen Kinder, die, als sie die eigentlich furchtbare Wahrheit begreifen, in die Sonne hinaus können, lachen können – und es tun – und nichts scheint ihnen so schwer zu sein, wie die Vergangenheit, als sie glaubten, sie lebten noch.

So wird der schlichte Gruselfilm zu einer Parabel aufs Leben, erweisen sich der krankhafte Katholizismus Grace´s, die Krankheit der Kinder, die Angst vor dem Unerklärlichen, dem Bedrohlichen als Lebensschlacke, die Erkenntnis verhindert. In diesem Sinne ist „The Others“ eine gänzlich andere Geschichte als die, die in „The Sixth Sense“ reißerischer erzählt wird. Denn mitten im Leben – so schon vor dreihundert Jahren JSB – sind wir vom Tod umfangen.



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INHALT

Auf der Kanalinsel Jersey im Jahr 1945 oder sonstwo; von Meer jedenfalls ist nirgends etwas zu sehen, allein die Abgeschiedenheit des Hauses, in dem fast alles spielt, hat etwas Geschlossenes, unzugänglich Verlorenes.Und die Monate nach dem Krieg sind Monate des Stillstandes, des Inderschwebeseins. Wie vieles in dem Film.
Drei Menschen treffen auf einem großen Herrenhaus des 18. Jahrhunderts ein, eine alte Frau, ein alter Mann, eine junge, wie sich schnell herausstellt, stumme Frau. Die drei, offenbar Dienstboten, werden von der Hausherrin Grace empfangen, als habe sie mit ihrem Erscheinen gerechnet. Sie führt die drei durchs riesige Haus, zeigt den Arbeitsplatz. Dann müssen die Fenster verhängt werden, das Tageslicht wird aus den Räumen ausgeschlossen. Die Hausherrin und überaus besorgte Mutter ihrer Kinder Anne und Nicholas stellt diese, an einer schweren Lichtallergie erkrankten Kleinen, dem neuen Personal vor; bei Kerzenschein.
Zunächst läuft alles reibungslos, dann häufen sich merkwürdige Dinge, die Kinder sehen Menschen umherlaufen, die sonst keiner sieht, schließlich begegnet auch die Hausherrin dem Übernatürlichen in dunklen, leeren, schweigenden oder mit Musik erfüllten Salons, Gängen, auf Keller- oder Speichertreppen. Irgendwann beginnt auch das neue Personal sich eigenartig zu benehmen, alte Grabsteine tauchen auf, der im Krieg verschollen geglaubte Ehemann, es taucht ein altes Buch auf mit surrealen Fotografien, Namen von Lebenden werden zu Namen von Toten ...
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Eure Kritiken zu The Others

  1. Hansdampf

    Ein sehenswerter Film..weil er durch Reduzierung bzw. Weglassen gewinnt. Spannung kann man auf viele Arten erzeugen, die Kamera spielt ein Spielchen mit dem Zuschauer durch Vortäuschung, die Musik creszendiert oder die Mimik des Schauspielers verrät so einiges. Amenábars Film gewinnt dadurch, das sich vieles im Kopf des Zuschauers abspielen muss. Somit ist es ein intelligenter Film.

  2. Cutter

    Der Vergleich zu 6th Sense..bietet sich förmlich auf dem Präsentierteller an und liegt auch mit etwas Abstand betrachtet gar nicht so fern. Die Stimmung ist hier klasse, dennoch will die geschichte nicht so richtig in Tritt kommen. Das war bei 6th Sense

    wesentlich besser gemacht. Teilweise fehlt der Schwung, die Charaktere vernünftig auszuarbeiten wie es noch bei the 6th sense mit Bravour gelöst wurde. was bleibt denn hier haften? Und wer erinnert sich noch an Stotter-Standy??

  3. tine

    *bibber*grade geschaut und für gut befunden. sehr stilsicher, sehr zeitlos. und das ende hat mich dann doch noch überrascht obwohl ich schon viel über den film gelesen hatte. anschauen, wenn man sich malwieder auf klassische art und weise gruseln will.

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