KRITIK

The Neon Demon

Bild (c) Koch Media.

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Erwartungen sind ein zweischneidiges Schwert. Auch in der bildenden Kunst. Und insbesondere dann, wenn die Leistungen eines Künstlers, eines Malers oder eines Filmemachers in dessem OEuvre weit auseinander driften. Der Däne Nicolas Winding-Refn kommt einem in den Sinn, wenn es um eine hohe Bandbreite zwischen Meisterwerk und Flop geht und auch, wenn es darum dreht, die Abgründe der Menschheit mit viel Empathie auf der großen Leinwand darzustellen. Schienen diese Abgründe in seinem Film „Drive“ nur allzu menschlich, können sie bei ihm auch in unnötiger Extravaganz verpackt sehr unmenschlich aussehen, wie in seiner grotesken Rache-Phantasterei „Only God Forgives„.

Unbestritten ist, dass Winding-Refn ein gutes Händchen für fesselnden Horror besitzt. Und sein neuer Film „The Neon Demon“ besitzt davon eine ganze Menge. Angesiedelt in der Modewelt von Los Angeles sehen hier die Models wie Schaufensterpuppen aus, die wiedeerum erscheinen wie Leichen aus einem Slasher-Film. Die Schönheit überschneidet sich mit verstümmeltem Fleisch, die daraus resultierenden Bilder erinnern in ihrer Polierung und Raffinesse an einen Hochglanzkatalog im Stile eines Calvin Klein. Jede Vorstellung, jede Szene, jede Einstellung, jede Zeile, jede Pause ist hypnotisch komponiert. Jedes Detail ist mit Luxus und einer überbordenden Absicht arrangiert. Alle Einstellungen schreien förmlich heraus: Refn weiß, was er will. Klar, er will den Zuschauer in seine Fänge ziehen.

Nur gibt es dieses eine kleine Problem. Was Refn will und was seine Zuschauer von ihm erwarten, sind zwei ziemlich unterschiedliche Paar Schuhe. Wohl die meisten Kinogänger werden einen Film verlangen, der Sinn ergibt. „The Neon Demon“ ist dahingehend ein Flop, ein Fetisch, hohle Verlockung. Der Anfang ist verständlich, konsumentenfreundlich wie ein H&M-Katalog. Er beginnt als Thriller, verwandelt sich aber im weiteren Verlauf in einen Film, wie ihn ein makaber veranlagter Scherzbold mit Hang zu surrealem Ekel drehen würde.

Szene_THE-NEON-DEMON_3In diesem Grand Guignol ist es Jesse (Elle Fanning), ein blonder Engel mit pfirsichzarter Haut und Ringeln in den Haaren, die im Vordergrund steht. Jesse schlägt kurz nach ihrem 16. Geburtstag in der Stadt der Engel auf, um Model zu werden. Die stumpfen Pinups, die ihre Konkurrentinnen sind, erscheinen wie gifte Schlangen mit seidenen Stimmen, wie eiskalte Prinzessinnen-Figuren. Sie alle hassen Jesse, denn sie ist ein „It-Girl“, mit dieser speziellen und zugleich undefinierbaren Aura. Ihre Qualität ist, dass alle unbedingt SIE wollen und niemand weiß warum. Manche würden ihr Geheimnis als Unschuld bezeichnen, andere als erotische Authentizität, nichts jedoch, was sich mit Plan oder plastischer Chirurgie erreichen ließe.

Jesse, da ist sich Agenturchefin Jan (Christina Hendricks) sicher, hat alles, was einen Star ausmacht. Aber ihre Schönheit wird von gewalttätigen Vorzeichen begleitet. Und der Regisseur liefert die passenden Bilder dazu. Refn ist wirklich gut, wenn es um derlei Omen geht. Nur ist er schlussendlich in der Ankündigung besser als im Eintreffen der grausamen Vorzeichen. Über 60 Minuten ist „The Neon Demon“ eine mesmerisiernde Begegnung der unterkühlten Art. Einer dieser Filme, die im Raum schweben zu scheinen und denen ein Hauch von latent abartiger Gewalt süßlich anhaftet.

Szene_The-Neon-DemonJesse hat sich in einem schlüpfrigen Motel in Pasadena eingemietet. Flüchtige Zoobewohner dringen in ihr Zimmer ein, der Manager ist ein missbräuchlicher Typ (gespielt von einem erschreckend überzeugenden Keanu Reeves). Einer der Agenturkunden, ein dicker Fisch unter den Fotografen, bittet sie, sich auszuziehen, nur um sie mit Goldfarbe zu beschmieren. Was nicht weiter schlimm wäre, würde er nicht den Habitus eines Serienmörders mit sich herumschleppen.

Dann wären da noch die anderen Models, Gigi, ein blonder Hai (Bella Heathcoate), eine Art roboterhaft perfektionierte Heather Graham und Sarah (Abbey Lee) eine eurotrashige Taube, die ihre Langeweile zu etwas mörderischem erhoben hat. In „The Neon Demon“ sind all diese Charaktere keine Personen, sondern Objekte, wie aus einem ikonischen Musikvideo. Die Welt um sie herum ist kein von Spannung gehaltener Thriller, sondern ein kranker Traum, in dem alles kann, aber nichts muss. Ganz offensichtlich hat Refn seine Vorbilder inhaliert wie ein Staubsauger auf Speed, nur um sie mit Hochgeschwindigkeit wieder auszuhusten: An erster Stelle seine selbstgewählten Vorbilder Lynch und Kubrick, gefolgt von Dario Argento, David Cronenberg, der einst „Crash“ drehte und irgendwie auch Ingmar Bergmann, dessen „Persona“ zwischen zahlreichen Einstellungen hervorblitzt. Immer wieder führen die Reminiszenzen zu Momenten, zu künstlerischen Videoinstallationen, die einen zugleich Begeisterung als auch Verstörtheit verspüren lassen.

„The Neon Demon“ geht hier eindeutig mehr in Richtung „Only God Forgives„, denn in Richtung „Drive„. Fetisch schlägt hier Empathie. In Zeiten, in denen Folter-Horror-Porno in Hochglanz-Optik immer das große Geld versprechen, wird sicherlich auch „The Neon Demon“ spätestens im Heimkino viel Geld einspielen. Wäre er in seiner zweiten Hälfte nur so gut, wie in seiner ersten, dann wäre es ein Film, der den zitierten Vorbildern gerecht werden würde. Und kein blutiges Kasperletheater der trivial-grotesken Art.

Szene_The-neon-demon_2Denn irgendwann im weiteren Verlauf der Geschichte verliert Jesse ihre Naivität und sie beginnt, sich zu wandeln. Jesse entwickelt einen Sinn für Macht in der Modewelt, sie lässt ihre stählernen Stilettospitzen spielen und ihre Unschuld erscheint nur noch wie eine Fassade. Refn aber will unbedingt die Zuschauer hinters Licht führen, er will gleich den Teppich mitsamt des Bodens unter den Füßen der Zuschauer wegziehen. Dabei verhält er sich jedoch wie ein 7-jähriger auf zu viel Coca-Cola.

In einer der besten Szenen zückt Manager Hank (Reeves) ein Messer und stellt damit etwas wirklich exquisit Ekelhaftes an. Statt in diesem deftigen Tonfall zu bleiben, muss daraufhin bei Refn stetig etwas Neues her. Der dänische Regisseur scheint Konsistenz und Kohärenz als Zeichen des Ausverkaufs zu verstehen, der Film dreht sich im Kreis. Immer und immer wieder. Es werden ruppige, lesbische Verführungen inszeniert, die aus dem Nichts kommen und dennoch Schicksale besiegeln. Das Finale ist dann jedoch ein großartiges, voller Schuld und Strafe. Schrecken an allen Ecken und Enden. Nur der größte Horror ist hier Refns eigene Narrative. Insgesamt eine schwer verdauliche Dekonstruktion. Ab 23. Juni im Kino.

 

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