KRITIK

The Invisible Woman

Bild (c) Sony Pictures.

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Der Literat Charles Dickens war Mitte vierzig und in London bereits ein früher Star – sowohl des literarischen wie auch des politischen Lebens. 1857 probte er ein Wilkie-Collins-Stück, als er sich in eine der Schauspielerinnen verliebte: Nelly Ternan, knapp 18 Jahre jung. Daraus erwuchs eine leidenschaftliche aber geheime Affäre, die erst mit dem Tod des Romanciers endete. Doch sowohl der verheiratete Familienvater Dickens selbst als auch Ternans Familie sorgten dafür, dass kaum ein Dokument dieser Liaison je die Nachwelt erreichte; zu groß war der Respekt vor den rigiden Moralvorstellungen der viktorianischen Zeit. Nelly Ternan blieb so die „unsichtbare Frau“ des Filmtitels.

Diesen Filmtitel übernahm Regisseur und Hauptdarsteller Ralph Fiennes („Grand Budapest Hotel„) von der britischen Autorin Claire Tomalin. Tomalin hatte die spannende Biografie trotz desaströser Quellenlage über Nelly Ternan erst Anfang der 90er Jahr geschrieben. Und anders als die pompöse Schlachtplatte, die er in seiner ersten Regiearbeit aus Shakespeares „Coriolanus“ gemacht hatte, inszeniert Fiennes die „unerhörte“ Affäre im getragenen Tempo als klassisches, in langen Rückblenden erzähltes Kostüm-Melodram (die Kostüme waren dieses Jahr für den Oscar nominiert), das dem bloß Kunstgewerblichen gekonnt ausweicht.

Szene_TIWStatt auf Kitsch zu setzen, blickt der britische Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor lieber mikroskopisch genau auf innere Gefühlsregungen und soziale Spiegeleffekte. Felicity Jones (die derzeit im neuen Spider-Man-Film „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ zu sehen ist) ist als Nelly ein echtes Ereignis. Aber auch Fiennes selbst (mit falscher Nase und falschem Wanst) sowie die erlesene Nebendarstellerriege von Kristin Scott Thomas (als Nellys Mutter) bis Joanna Scanlan (als Dickens´ Frau) ziehen ganz in den Bann dieser tragischen, weil stets verleugneten Liebesbeziehung. Spannend, very britisch, sehenswert.

 




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