KRITIK

The International

The International Tom Tykwers jüngstes Werk scheint perfekt in die Zeit zu passen. Denn auf den ersten Blick wirkt seine Geschichte eines skrupellosen Kreditinstituts, das sich als Hort des organisierten Verbrechens entpuppt, ja prophetisch – schließlich hatte das Projekt eine Entwicklungszeit von sechs Jahren. Und in jedem Interview wird Tykwer nun gefragt, wie er sich denn dabei fühle, unfreiwillig den Film zur Finanzkrise gedreht zu haben. Das Problem ist nur: Das hat er nicht.

Fern jeder Ironie müsste die Frage lauten: Herr Tykwer, bestürzt es Sie eigentlich, dass „The International“ sich gegenüber der Realität so harmlos ausnimmt? Denn in diesem Thriller geht es um eine „Bad Bank“, die unter Führung des sinistren Direktors Skarssen (Ulrich Thomsen) milliardenschwere Waffengeschäfte betreibt und damit in den so genannten Entwicklungsländern viel Schaden anrichten wird, schlimm genug, sicher. Aber was ist das gegen eine global agierende Zocker-Bande, die unsere gesamte Wirtschaft wissentlich in den Abgrund stürzt und nicht einmal belangt wird?

Immerhin ist „The International“ noch realitätsnah genug, das System selbst als Fehler zu erkennen und nicht mit einem glücklichen Ende zu versöhnen. Ein Verbrecher geht, ein anderer rückt nach, so sieht es eben aus. Und man muss dem deutschen Regisseur auch zugute halten, dass er ja gar nicht an der Gegenwart gemessen werden will, sondern sich erkennbar an den Paranoia-Thrillern der 70er Jahre orientiert, an Werken wie „Die drei Tage des Condor“, „Zeuge einer Verschwörung“ oder „Der Marathon-Mann“. Es ist Tykwers erster lupenreiner Genre-Film, und als solcher hat der Krimi um den versuchten Sturz eines Goliaths der Geldmärkte durchaus seine Vorzüge.

Die Hatz, die Clive Owen als Interpol-Agent Louis Salinger zusammen mit einer New Yorker Staatsanwältin (Naomi Watts) auf die kapitalen Bösewichte veranstaltet, bleibt trotz James-Bond-gleicher, rasanter Schauplatzwechsel klar und übersichtlich. Und selbst bei einer gewaltigen Ballerei im Guggenheim-Museum (das eigens nachgebaut wurde) verfallen Tykwer und sein Kameramann Frank Griebe nicht in die gängige Tohuwabohu-Action, sondern bebildern mit kühlem Blick. Auf der anderen Seite zeigt sich Tom Tykwer auch hier als Regisseur, der auf den Kopf zielt und dabei unpersönlich bleibt.

Kunstfertigkeit und handwerkliches Talent allein bringen die Kino-Maschinerie aber noch nicht auf Touren. Die Figuren, allen voran Watts` Staatsanwältin, bleiben einem merkwürdig fremd, letztlich ist auch die Geschichte in ihrer offensichtlichen Konstruiertheit nicht wirklich spannend – und die artifizielle Atmosphäre von Melancholie und Entfremdung fällt auf den Film selbst zurück. Schade, angesichts des Themas. Um Gerechtigkeit geht es hier, aber den Zorn des Gerechten, den vermisst man.



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INHALT

Ein obsessiver Interpol-Agent steht an der Spitze einer Untersuchung, die den mächtigsten Banken der Welt eine Beteiligung an Waffenhandel, Korruption und selbst Mord nachweisen soll. An seiner Seite weiß der Agent eine New Yorker Staatsanwältin: Beide begeben sich bei ihren Recherchen in akute Lebensgefahr, zumal ungewiss ist, wem man trauen kann und wem nicht.
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Eure Kritiken zu The International

  1. Manni

    Ein überzeugender Thriller mit zwei herausragenden darstellern von Tom Tykwer. Sehenswert.

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