KRITIK

The Guard – Ein Ire sieht schwarz

Filmplakat zu The GuardGerry Boyle (Brendan Gleeson) ist The Guard, ein allein lebender, mürrischer Polizist von der irischen Westküste. Ein in die Jahre gekommener Realist, dem man besser aus dem Weg geht. Sein Hang, sich mit Prostituierten zu vergnügen ist ebenso ein Teil von ihm, wie das Schicksal seiner krebskranken Mutter. Mehr Spannung und Aufregung gibt es nicht in seinem Umfeld. Und wenn mal wieder ein paar Dorfjugendliche mit ihrem Auto über die engen Landstraßen rasen, um tot an der nächsten Straßenkreuzung zu enden, hat Boyle nicht viel mehr als einen trockenen Spruch dafür auf den Lippen.

Als eines Tages im Ort nicht nur eine mit kryptischen Symbolen arrangierte Männerleiche sondern auch ein Sack voller Waffen gefunden werden, stellt man ihm den jungen Polizisten Aidan McBride (Rory Keenan) zur Seite. Doch als wäre das alles nicht schon schlimm genug für den missmutigen Misanthropen, taucht wenig später auch noch ein schwarzer FBI-Agent (Don Cheadle) auf, der mit Hilfe der örtlichen Polizei einen internationalen Drogenring aufdecken will. Das ist dann doch fast des Guten zu viel für Gerry Boyle.

Eigentlich, das stellt Regisseur und Drehbuchautor John Michael McDonagh im Presseheft zu seinem Film klar, ist sein erster Spielfilm gar kein Krimi. Es ist auch keine Komödie. Der Film folgt den strengen Regeln des Western und des Dramas. Nur mit dem Unterschied, dass seine Geschichte nicht im ariden Arizona, sondern im Westen Irlands in der Region Connemara spielt. Felsenküste statt Prärie? Regenschirm statt Cowboyhut? Zumindest in den ersten Minuten gibt es mehr Beweise als Gegenbewweise für diese Behauptung, auch wenn der Film die formal strengen Regeln des Western-Genres schnell verletzt: Der Gesetzeshüter, der seine eigenen Regeln aufstellt, die Bösewichte, die ziemlich schnell die Bühne betreten oder der Hilfssheriff, der bald das Zeitliche segnet.

Szene aus dem Film The GuardAuf diese und weitere Überraschungen muss sich nicht nur der Kinobesucher sondern auch der schwarze FBI-Agent Wendell Everett (Don Cheadle) einstellen. Mit seinem Erscheinen mutiert der irische Western zu einer Buddy-Komödie. Denn die Wege der zwei unterschiedlichen Polizisten kreuzen sich häufiger, als beiden lieb ist. Sie verfolgen das gleiche Ziel: Einem gewieften Schmuggler-Trio, das philosophierend und Nietzsche zitierend seiner Profession nachgeht, das Handwerk zu legen. Schließlich geht es um 500 Millionen Dollar. Schnell merken beide, dass dies nur als Team gelingt.

Szene aus dem Film The GuardJohn Michael McDonaghs Spielfilmdebüt lebt von seiner charismatischen Hauptfigur, dem rauen Charme der Bewohner samt unverständlichem Dialekt (in der Originalversion) und dem herausragenden Spiel seiner beiden Hauptfiguren. Für reichlich Lacher sorgen dabei aber nicht nur ein hervorragend aufgelegter Blendan Gleeson, sondern auch der intelligent herausgearbeitete Kontrast der Gangster zum rauen Charme der Küstenbewohner. Dadurch hebt sich „The Guard“ deutlich heraus aus der Masse der mittlerweile unzähligen Buddy-Komödien, auch weil sich Regisseur und Drehbuchautor McDonagh nicht allein auf das Zusammenspiel seiner unterschiedlichen Protagonisten verlässt, sondern auch in den kleinen und ruhigeren Momenten mit Szenen voller Poesie und Anmut überrascht. Eine krebskranke Mutter, ein Sohn und eine Parkbank, mehr braucht es dafür nicht.

Geführt wird das Ganze von einem Regisseur, der augenscheinlich ein großer Fan von Quentin Tarantino, Guy Ritchie und seinem eigenen Bruder Martin ist, aber sein komplettes Ensemble liebt wie im Film die großartige Fionnula Flanagan ihren Sohn Gerry – respekt- und liebevoll. Und wie so oft basieren große Filme auf kleinen Zufällen: McDonaghs Wunschschauspieler Brendan Gleeson hatte gerade mit Bruder Martin McDonagh „Brügge sehen… und sterben?“ abgedreht und las sich das Skript durch. Seine Zusage setzte einen Mechanismus in Gang, an dessen Ende Don Cheadle als Koproduzent und Schauspieler einstieg. The Guard, kein reiner Western und keine reine Buddy-Komödie, aber einer der besten Filme des Jahres, nicht verpassen!

 

Kritikerspiegel zu The Guard



Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 





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INHALT

Ein irischer Kleinstadtpolizist interessiert sich für alles Mögliche – nur nicht für den Drogenring, der sogar einen FBI-Agenten in die Stadt führt. Ein irischer Dorfbulle am Arsch der Welt: Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) ist zynisch, eigensinnig und nur ein bisschen korrupt, ein Einzelgänger, der seinen jungen Kollegen McBride nicht für voll nimmt. Als auf der Jagd nach Kokainschmugglern FBI-Agent Everett (Don Cheedle) in seinem Revier auftaucht, fühlt Boyle sich eher gestört. Erst als McBride über Nacht verschwindet, wird der Dorfbulle aktiv. Ihm wird klar, dass die Drogenschmuggler (fies: Liam Cunningham, Mark Strong und David Wilmot) den Cop verschwinden ließen und seine Vorgesetzten von den Gangstern bestochen wurden. Wie einst John Wayne zieht er (zur Musik von Calexico) zusammen mit dem FBI-Mann los, um den Koksschmugglern das Handwerk zu legen.
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Eure Kritiken zu The Guard – Ein Ire sieht schwarz

  1. Udo

    Ein großartiger Film. Für mich die Überraschung des Jahres. Auch wegen der beiden unterschiedlichen Hauptdarsteller, die so prächtig harmonieren. Klasse!

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