KRITIK

The Green Wave

The Green Wave Als der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi, der in Deutschland studiert hat, im August 2009 seine großartige Komödie „Salami Aleikum“ vorstellte, hatte sich in seinem Heimatland der beim Volk unbeliebte konservative Populist Mahmud Ahmadineschad für weitere Jahre im Amt bestätigen lassen. In zahlreichen Interviews, auch mit mehrfilm.de, spürte man die Sorgen des sympathischen Filmemachers über die möglichen Folgen dieser Wahlfälschungen. Seine Sorgen galten vor allem den Sympathisanten der Gegner von Ahmadineschad. Und diese Sorgen waren berechtigt, wie sein neuer Film beweist.

Aktueller denn je, vor dem Hintergrund der Aufstände in der nordafrikanischen Welt (Tunesien, Ägypten etc), bringt Ali Samadi Ahadi passend dazu einen Film über die Entwicklungen der so genannten „grünen Revolution“ in die Kinos, die mit den Wahl-Veranstaltungen der Ahmadinedschad-Gegner ihren Anfang nahm und bis heute andauert. Stellvertretend für die vielen Demonstranten hat sich Ahadi für zwei junge Protagonisten entschieden, die in einer gezeichneten Live-Atmosphäre, unterstützt von Live-Aufnahmen, die Vorgänge im Iran des Sommers 2009 nacherzählen. Hinter den gezeichneten Figuren stecken die Schauspieler Navid Akhavan und Pegah Ferydoni, die aus dem Off die Geschehnisse wiedergeben.

Ahadis Doku-Collage setzt die erste Klammer kurz vor einer Wahlkampfveranstaltung des gemäßigten Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi, der nicht nur bei den jüngeren Iranern zur Symbolfigur für den Wunsch nach Wandel geworden ist. Die Demonstranten machen die Farbe grün zu ihrer Symbolfarbe des Umbruchs, denn grün ist die Farbe des Islams und wurde von den Anhängern Mussawis umgedeutet zur Farbe der Hoffnung auf Veränderung. Ob Kleider, Tücher oder Transparente, alle tragen Grün als Farbe der Hoffnung in diesen Tagen.

Die weiteren Vorgänge zeichnet Ali Samadi Ahadi auf ungewöhnliche Weise nach. Der studierte Animationszeichner collagiert Nachrichtenbilder und Augenzeugenberichte mit bewegten Comicbildern sowie seinen Interviews mit namhaften Reformern, wie der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, der jungen Journalistin Mitra Khalatbari, dem ehemaligen UN-Ankläger und Spezialisten für Menschenrechtsfragen Prof. Dr. Payman Akhavan und dem Blogger und Musawi-Aktivisten Mehdi Mohseni. Sie alle berichten aus dem „Exil“ über die Geschehnisse in ihrem Heimatland und helfen mit, die Ereignisse jener Tage einzuordnen.

Diese seltene Kombination aus Dokumentarbildern, animierten Szenen und Interviews hat bei Ahadi einen Hintergrund. Zum einen war und ist es ihm nicht möglich, als Filmemacher in seinem Land zu arbeiten, zum anderen war es ihm ein Anliegen, Oppositionellen und Opfern eine Stimme zu geben, von denen viele ihre Erfahrungen und Berichte in anonymen Internetblogs und Twitter-Beiträgen hinterlassen haben. Eine Doku im Zeitalter der Sozialen Netzwerke also. Die bewegten Comicbilder, die sehr an den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“ oder auch an den Film „Persepolis“ erinnern, erweisen sich dabei wieder einmal als eine sehr gute Lösung. Sie erheben nie den Anspruch, die unvorstellbaren Schrecken zu visualisieren, zumal aus iranischen Foltergefängnissen und Todesbunkern keine realen Aufzeichnungen existieren.

Auch wenn Ahadi hier sehr emotional und subjektiv Solidarität für die Opposition zeigt, ist sein Film durch seine unterschiedliche Herangehensweise sehr weit weg vom Agrit-Pop-Kino und viel näher dran an einem beeindruckenden filmischen Manifest für all jene mutigen Menschen, die die weltweiten Terror-Regime für immer zum Schweigen bringen möchten.



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INHALT

Teheran, im Juli 2009. Die Präsidentschaftswahlen stehen bevor, im Iran herrscht Aufbruchstimmung. Euphorisch ziehen Tausende von Menschen auf die Straßen, fordern Demokratie und einen politischen Wandel unter der Führung ihres Kandidaten Mir Hossein Mussawi. Ob Kleider, Tücher oder Transparente, alle tragen sie Grün als Farbe der Hoffnung. Doch welch ein Schock, als das Wahlergebnis den konservativen Populisten Mahmud Ahmadineschad im Amt bestätigt. Das Volk ist wie erstarrt. Alle Sympathisanten von Mussawi werden eingesperrt und gefoltert. Darunter auch zwei Sympathisanten und Wahlkampfhelfer, die in dieser Doku-Collage als Zeichentrickfiguren stellvertretend für viele junge Iraner stehen.
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