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The Florida Project

Plakat zum Film "The Florida Project"

Bild (c) 2017 Prokino Filmverleih.

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Das gilt für den Film von Sean Baker noch mehr als für das Leben. Und auch wenn es ein Klischee sein mag, dass überall Schönheit ist, wenn man nur nach ihr sucht, glaubt man am Ende des Films „The Florida Project“ wieder ganz fest daran. Baker, der mit seinem komplett auf einem iPhone gedrehten Erstlingswerk „Tangerine“ für Aufsehen sorgte, schafft es in seinem zweiten Spielfilm meisterhaft, eine eigentlich triste Umgebung wie eine magische Abenteuerwelt aussehen zu lassen.

Hauptschauplatz des Films ist das passend benannte Motel „Magic Castle“, das von dem empathischen, aber dauergestressten Hausmeister (im Englischen: Manager) Bobby (toll und Oscar-nominiert: Willem Dafoe) geleitet wird. Das Magic Castle ist ein typischer, mehrstöckiger Wohnkomplex, wie man ihn zuhauf am Rande vielbefahrener Straßen in den USA sieht. Doch die sonnendurchfluteten Einstellungen lassen das grelle Lila, in dem die Fassade gestrichen ist, hell aufleuchten. So wirkt der Komplex wie ein rustikaler Ableger aus Wes Andersons „Grand Budapest Hotel„.

Das bunte Farbenmeer, in das der Zuschauer eintaucht, steht im starken Kontrast zu dem grauen Lebensalltag der Bewohner des Motels. Einige Mieter lässt Bobby unter der Hand dauerhaft dort wohnen. Dazu gehört die aufgeweckte, energiegeladene Sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Mutter Halley (Bria Vinaite). Halley gehört, wie so viele ihrer Nachbarn, zu den Vergessenen der amerikanischen „White-Trash-Gesellschaft“ und muss sich mit äußerst dubiosen Tricksereien ihre Sozialhilfe aufbessern.

Der Zuschauer verfolgt Moonee auf ihren Streifzügen durch die Nachbarschaft, in der es überall etwas zu entdecken gibt, während man gleichzeitig mitansehen muss, wie sich Halleys Lage immer mehr verschlechtert. Als letztere zu drastischen Mitteln greift, um etwas Geld zu beschaffen, droht ihr, Moonnee an die Behörden zu verlieren.
Sean Baker verknüpft auf wundersame Weise den harschen Lebensalltag seiner erwachsenen Charaktere mit der selbstkreierten Abenteuerwelt der Kinder, die einfach aus jeder Situation ein Spiel machen, sei es beim Putzen von Autos, beim Streunen durch längst verlassene Häuserkomplexe oder beim Beobachten von Kühen auf einer Weide, was kurzerhand zu einer „Safari“ wird.

Szene aus dem Film "The Florida Project" mit Kindern auf der Wiese.Baker bleibt sowohl bei diesen Szenen als auch bei den dramatischeren Konfliktsituationen zwischen den Erwachsenen konsequent mit der Kamera auf Augenhöhe der Kinder, wodurch der Zuschauer die ganze Szenerie nur aus einem Blickwinkel wahrnimmt. Dadurch wird die eigentlich traurig-kitschige Umgebung an einem verlassenen Autobahnstück Orlandos mit seinen überdimensionierten Ramschläden, Disneyartikel-Geschäften und Eisbuden zu einer großen Märchenwelt. Alles wirkt riesig und weit. Alberne Maskottchen und Statuen vor den Geschäften werden zu Bewohnern einer magischen Sphäre mit Riesen, Meerjungenfrauen und Zauberern.

Außerdem zeigt Baker auf grandiose Weise in welch eigener Sphäre Kinder leben. Häufig sind die Erwachsenen mitsamt ihrer Probleme außerhalb des Bildes oder werden verschwommen im Hintergrund gezeigt, während der Fokus auf den Kindern bleibt. Sie wuseln durch die Motelanlagen und die Straßen. Weshalb es umso herzzerreißender wird, wenn die Konflikte der Erwachsenen letztendlich doch auch das Leben der Kinder durcheinander bringen.

Szene aus dem Film "The Florida Project" mit Willem Dafoe. Der vor allem in der lateinamerikanischen Literatur populäre Stil des „magischen Realismus“ ist auch hier zu finden. Eigentlich bezeichnet man damit eine kontemporäre, realistische Welt, die von fantastischen Elementen durchzogen ist. Eine Mischung, die zum Beispiel Guillermo del Toros Schaffen auszeichnet, wie jüngst in „The Shape of Water“ zu sehen war. Doch beim Blick auf „The Florida Project“ ist man geneigt, diesen Begriff umzudenken. Hier wird ein nüchternes Sozialdrama durch die Perspektive der Kinder und deren Fantasie um eine magische Komponente erweitert. Dazu braucht es keine klassischen Fantasy-Elemente, es bedarf „nur“ der beeindruckenden Bildsprache des Regisseurs. Sean Baker hat ein Auge für das Besondere im Alltäglichen und inszeniert umgekipppte Bäume, Feuerwerk und Regenbögen wie absolute Wunder. Der Himmel leuchtet in den Abendstunden so lila wie das Motel, was ähnlich unwirklich erscheint wie in dem modernen Märchen „La La Land“ von Damien Chazelle. Doch während bei Chazelle immer jemand ein Lied auf den Lippen hat, bricht in der Traumwelt von Orlando bei Baker plötzlich jemand in Schimpftiraden oder Faustkämpfe aus.

Es ist eine große Freude sich von Sean Baker in sein Anti-„La La Land“ entführen zu lassen. Seine Milieustudie einer vom Existenzkampf geprägten Gesellschaftsschicht ist gleichermaßen herzerwärmend wie niederschmetternd, optimistisch wie nüchtern und absurd komisch wie tieftraurig. Ein Triumph in jeder Hinsicht!

 




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