KRITIK

The Exploding Girl

The Exploding Girl Gleich vorweg: In diesem Film wird nichts ex-plodieren. Kein Gefühl, keine Stimmung, keine Bombe und auch sonst nichts. Vielleicht, das darf man vorweg nehmen, geht es hier um eine Implosion. Der Filmtitel dürfte damit einigen Erwartungen augenzwinkernd Lügen strafen. Erst recht bei den Fans, die unter dem Titel eine actionreiche Kampfkunstorgie vermuten. Doch nichts dergleichen.

Mit seinem Film „The Exploding Girl“ führt Regisseur Bradley Rust Gray die Liste der herausragenden Filme des jungen amerikanischen Independent-Kinos fort. Eine Reihe, der junge Filmemacher wie Andrew Bujalski („Funny Ha Ha“, „Beeswax“), Jeff Nichols („Shotgun Stories“) oder Kelly Reichardt („Old Joy“) ihren Stempel aufgedrückt haben und die mit ihren Filmen an die Wurzeln des amerikanischen Independent Kinos erinnern. Mit seinem wunderbar leichten und feinsinnigen „The Exploding Girl“ weckt Rust Gray Erinnerungen an die frühen Werke eines Gus Van Sant, Jim Jarmusch oder Richard Linklater. Mit seinen ruhigen Bildern erzählt der 39jährige Filmemacher von der Verletzlichkeit der Jugend, der Verlegenheit unter Freunden und der Einsamkeit der Studentenzeit.

Grays Hauptfigur ist die 20jährige Ivy (Zoe Kazan). Die College-Studentin wirkt zu beginn recht seltsam, aufgeweckt zwar aber für ihr Alter auf eine merkwürdig kontrollierte Art wie an Zügeln. Sie scheint umhüllt von einem unsichtbaren Panzer und verlangsamt in ihren Bewegungen und Reaktionen. Erst im späteren Verlauf wird erklärt, dass sich hinter ihrer etwas mysteriösen Art nichts anderes als eine eingeübte Vorsichtsmaßnahme verbirgt: Ivy leidet unter einer epileptischen Krankheit, sie ist dazu gezwungen, Stress und Aufregung abzuwehren.

Gleich mit der ersten Einstellung wird Ivy den Zuschauern förmlich direkt vor die Nase gesetzt. Es beginnt mit einer Autofahrt. Für die Sommerferien fährt Ivy nach Brooklyn, New York. Auf dem Weg holt sie Al (Mark Rendall) ab, einen alten Schulfreund, der ein College in einer anderen Stadt besucht. Im weiteren Verlauf des Films geschieht nicht viel in diesen Sommerwochen im New Yorker Stadtteil. Ivy wohnt bei der Mutter, telefoniert mit ihrem Freund Greg, sie hört Musik, liegt auf dem Bett, schlendert durch die Straßen, geht auf langweilige Partys und teilt sich mit ihrem Kumpel Al eine Pizza im Park. Al wohnt kurzfristig über die Ferien bei Ivy und ihrer Mutter, weil sein eigenes Zimmer zuhause überraschend belegt ist.

„Nein, sie sind kein Paar“, betont Al einmal, als er nach Ivy gefragt wird. Er ist mehr der nette, schüchterne Kumpel-Typ, bei dem sich Ivy wohl fühlt, dem sie aber trotzdem nicht erzählt, dass ihr ohnehin auffallend wortkarger Lover Greg kurzerhand am Handy Schluss gemacht hat. Dass Al mehr will, wird bereits zu Beginn durch eine neugierige Frage recht deutlich.

Bradley Rust Gray verfolgt die wenigen Geschehnisse als ein außenstehend Beteiligter. Er ist vielmehr ein stiller Teilhaber und diskreter Komplize. Die Kamera bleibt stets auf Distanz. Der Regisseur überlässt alles seinen Darstellern. Diese Aufgabe meistert vor allem Zoe Kazan am besten, die der ein oder andere vielleicht noch als einfältige Sekretärin in Sam Mendes „Zeiten des Aufruhrs“ vor Augen hat. Sie ist wunderbar in der Rolle der Ivy. Kazan, Enkeltochter der Regie-Legende Elia Kazan, verzichtet weitgehend auf Mimik, spielt sparsam, erzählt die Geschichte ihrer inneren Aufgewühltheit allein über ihre sparsame Gestik und ihren hypnotischen Blick.

Viel Dialog gibt es nicht. Mehr noch, die Sprache ist fast verkümmert in Rust Grays Film. Die Gespräche zwischen Ivy und Al kommen mit wenigen, fast banalen Worten aus. In den USA hat sich für Filme wie „The Exploding Girl“ das Etikett „Mumblecore“ eingebürgert, was man mit etwas gutem Willen auch als „poetisches Nuscheln“ übersetzen könnte. Im Kern wollen Filmemacher Mumblecore aber wohl eher als einfache Fabel verstanden wissen, eine mit einfachen Mitteln zu inszenierende Geschichte, besetzt und erzählt unter Mithilfe von Freunden und Bekannten vor und hinter der Kamera.

Das Präzise und dennoch Leichthändige verdankt der Film auch der hochauflösenden Digitalkamera von Eric Lin. Die Tiefenschärfe und zugleich extremen Brennweiten und Zooms erlauben es dem Zuschauer, wie ein Einheimischer durch die belebten Straßen von Brooklyn zu streifen, Ivy zufällig hinter parkenden Autos zu entdecken und ihr unauffällig zu folgen.

So bekommt der Zuschauer am Ende dieses unscheinbaren Liebesdramas doch erstaunlich viel mit. Und der Film entwickelt dabei seine eigene faszinierende Ästhetik. Es ist auch eine Ästhetik der Verunsicherung. Aber wenn am Ende Vogelschwärme am Himmel kreisen, als Al und Ivy über den Dächern von Brooklyn Taubenküken bewundern, schenkt der Film den beiden einen großen Moment der Poesie. So deutlich die Filmsprache in sämtlichen Einstellungen zu vernehmen ist, so schwer fällt es der Liebe manchmal, sich zu artikulieren. Herausragend.



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INHALT

Die 20-jährige College-Studentin Ivy fährt für die Sommerferien nach Brooklyn, New York. Auf dem Weg holt sie Al ab, einen Freund, der ein College in einer anderen Stadt besucht. Zu Hause verbringt Ivy die Tage damit, Bücher zu lesen, ihre Mutter in deren Tanzstudio zu besuchen und den Kontakt zu ihrem Freund Greg aufrechtzuerhalten, den sie am College kennengelernt hat. Als Al plötzlich ohne Dach über dem Kopf dasteht, überredet Ivy ihre Mutter, ihn aufzunehmen.

Gemeinsam gehen die beiden Pizza essen, hören Musik im Park. Langsam kommen sie sich näher. Obwohl Ivy sich Sorgen über ihre Beziehung zu Greg macht, spricht sie darüber nicht mit Al. Sie leidet an jugendlicher myoklonischer Epilepsie und hat gelernt, ihre Gefühle im Zaum zu halten, um Stress zu vermeiden. Als Ivys Leben aber immer mehr außer Kontrolle gerät, fordert dieses kontinuierliche Unterdrücken der Gefühle seinen Tribut.
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