KRITIK

The Duke of Burgundy

Bild (c) Edition Salzgeber 2015.

Bild (c) Edition Salzgeber 2015.

Der Herzog von Burgund ist eine Schmetterlingsart, deren Verbreitung mittlerweile stark gefährdet ist. Unter seinem profanen deutschen Namen Schlüsselblumen-Würfelfalter würde er wohl keinen Filmtitel zieren. Als „The Duke of Burgundy“, der zugleich von verblühtem Glanz vergangener Zeiten kündet und eine gewisse Gravität evoziert, entstehen vom ersten Augenblick an jedoch entsprechende Bilder. Mit der Kuriosität, dass im Vorspann ein Credit fürs Parfum vergeben wird – ohne dass der Film ins Odorama abdriften würde – setzt sich die Suggestion fort, dass in diesem etwas anderen Film ein eigenes, aus der Zeit gefallenes Universum erschaffen wurde.

Ähnlich Wes Andersons „Grand Budapest Hotel„, der einen fiktiven südosteuropäischen Karpatenstaat heraufbeschwört, verortet sich Peter Stricklands „The Duke of Burgundy“ im mitteleuropäischen Nirgendwo – ebenso wie Stricklands Debüt „Katalin Varga“ in Ungarn respektive dem Ungarisch-sprachigen Teil Rumäniens gedreht. Aus der Zeit gefallen, aus der Topographie gleichermaßen. In der Filmgeschichte allerdings findet er seine Heimat, als Nachfahre und Hommage an den Euro-Sleaze der Siebziger Jahre, an schwüle Ausnahmefilme wie Harry Kümels „Blut an den Lippen“, wenngleich weniger spekulativ und keineswegs vampirisch. Auch die gleichgeschlechtlichen Liebesszenen dieser BDSM-Erzählung zweier erratischer Frauen sind kaum voyeuristisch und böten reißerischen Websites nicht den Hauch eines Anlasses für Fotostrecken à la „Heißer Lesben-Sex mit ´Borgen´-Star“.

Szene_duke_burgundyDas Beziehungskonstrukt zwischen der von Sidse Babett Knudsen verkörperten Cynthia und ihrer Gespielin Evelyn (ganz nebenbei, gäbe es passendere Namen?) bezieht seine Brisanz dabei auch weniger aus einer Unterwerfungsstrategie, wie sie ein Christian Grey in seiner Malen-nach-Zahlen-Version durchdekliniert, sondern einer sorgsam freigelegten Komplexität der Bedürfnisse, Erwartungen und Begierden, die keineswegs nur in eine Richtung formuliert werden. Das Erzähltempo ist langsam, bisweilen kurz vor dem Stillstand, doch es gibt der Narration Raum sich schleichend zu entfalten – analog dem eingangs erwähnten Parfum – und die betörende Schönheit der morbiden Bilder wie auch der entrückten Filmmusik von Cat’s Eyes, soeben mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, zu betonen.

Mit „The Duke of Burgundy“ offenbart sich ein europäisches Regietalent, das mit seinen drei Langfilmen nicht nur eine eigene Handschrift erkennen lässt, sondern vielmehr eine eigene Agenda verfolgt: Nach dem spröden Rachedrama „Katalin Varga“, das noch einem eher unspezifischen Arthouse-Kino entstammt, durchmisst Peter Strickland mit „Berberian Sound Studio“ und nun mit „The Duke of Burgundy“ einen europäischen Filmraum, der von Subgenres wie dem italienischen Giallo und Filmemachern wie Jess Franco und Dario Argento geprägt wurde und mit einem ausgeprägten Ästhetizismus einhergeht. Dabei aber, und das ist neu und wesentlich für Stricklands Werk, eine Reflektionsebene über das Genrekino direkt mit einbezieht. Die Schönheit seiner Filme, so sehr sie manchmal auch im Verborgenen blüht, ist nie ein l’art pour l’art, nie einfach nur Verbeugung vor den alten, vielfach geschmähten Meistern, sondern eine profunde Weiterentwicklung ihrer nur grob angerissenen Themen und Motive. Und hoffentlich, im Angesicht allgegenwärtiger kommerzieller Erwägungen, nicht allzu schnell vom Aussterben bedroht.

 




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